Aufbrüche

13.06.2016

Aufbrüche

Prof. Dr. Werner Durth über den deutschen Beitrag zur Architekturbiennale 2016

Ende Mai eröffnete in Venedig die 15. Architekturbiennale. Unter dem Motto „Reporting from the Front“ stellt sie in diesem Jahr die gesellschaftspolitische Dimension des Gebauten in den Mittelpunkt. Werner Durth, der zum drittem Mal als Vorsitzender der Expertenkommission an der Auswahl des deutschen Beitrags beteiligt war, schildert in seiner Pressemitteilung zum Ergebnis, wie der deutsche Pavillon – ganz handgreiflich – von dieser Thematik durchdrungen wird.

Am Anfang war das Thema. „Making Heimat“ ist die Antwort auf die massenhafte Zuwanderung von Flüchtlingen, die 2015 Europa erschütterte und Deutschland fast zerriss. Von den Einen wurden die Schutzsuchenden mit Freude und Mitleid empfangen, den Anderen konnten sie gar nicht schnell genug wieder verschwinden. Der deutsche Beitrag zur Architekturbiennale 2016 mischt sich ein.

Er fragt nach den Gefahren und Chancen dieses Aufbruchs nach Deutschland. Den thematischen Kontext ihrer Argumentation fanden die Kuratoren in den Thesen des welterfahrenen Doug Saunders. Den räumlichen Rahmen gab der Deutsche Pavillon vor. Er galt seit seiner Neugestaltung 1938 als Programmbau nationalsozialistischer Herrschaft. In seiner stillen Wucht und hermetischen Ordnung war dieser Bau, zu dem die Bezeichnung „Pavillon“ nicht so recht passen mag, als Ort kultureller Selbstdarstellung der Bundesrepublik seit Jahrzehnten immer wieder Gegenstand der Kritik, bis hin zur Forderung nach Abbruch und Neubau eines anderen Pavillons im Habitus „demokratischer“ Architektur – was auch immer das sei.

Die Geschichte, die Gestalt und die Formensprache dieses Gebäudes provozierten immer wieder die Auseinandersetzung mit ihm. So wurde es durch künstlerische Interventionen wiederholt gestört, verfremdet, überformt oder ausgeblendet. Man denke nur an die starken Bilder zertrümmerter Bodenplatten nach der Aktion Hans Haackes 1993 oder an verschiedene Beiträge zur Architekturbiennale, die ihre Präsentationen demonstrativ in Kontrast setzten zur Baukunst des Jahres 1938, zuletzt 2014 in Kollision mit der Nachkriegsmoderne durch Einbau von Elementen des Bonner Kanzlerbungalows von Sep Ruf.

In diesem Jahr scheinen die Mauern unter dem Druck der Ereignisse aufgebrochen, perforiert und auf Zeit provisorisch geöffnet worden zu sein. Auf den zweiten Blick begegnet uns der Pavillon mit einer Botschaft: Was da kam, ließ sich nicht aufhalten, ist eingedrungen in das Haus mit seinen wehrhaften Mauern. Drinnen sehen wir Unterkünfte zur Linderung der größten Not, daneben Projekte neuen Wohnbaus, die nicht nur für Flüchtlinge, sondern auch für Wohnungssuchende aus unterschiedlichen Schichten der deutschen Bevölkerung konzipiert sind.

Durch die Öffnungen in der Fassade, die von außen gesehen eben noch die Wahrnehmung irritierten, gewinnt das Gebäude im Inneren temporär eine neue Qualität. Sie stellt jedoch nicht die Architektur in ihrer Tauglichkeit als Ausstellungsraum grundsätzlich in Frage. Denn offensichtlich ist die Maßnahme reversibel, die ausgebrochenen Steine liegen zur Reparatur bereit. Während Zug um Zug einzelne Staaten ihre Grenzen schließen, um die Festung Europa zu sichern, werden in Venedig Mauern geöffnet, zunächst nur für einen Sommer, als Ermutigung für eine andere Politik im Geist der Einheit Europas, in Verpflichtung auf die unantastbare Würde des Menschen.

Prof. Dr. Werner Durth
Fachgebiet Geschichte und Theorie der Architektur

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