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Otto Bartning Förderpreis für Baukunst 2011: „TRIAS – suchen, entdecken, verstehen – Erweiterung des Senckenbergmuseums in Frankfurt am Main“

Die Preisträgerin
Franziska Hartmann

Zur Arbeit von Franziska Hartmann

Als Motto ihrer Arbeit sieht die Entwurfsverfasserin das Zitat:
„Am Anfang jeder Forschung steht das Staunen.“
Wolfgang Wickler (*1931), dt. Verhaltensforscher u. Zoologe
„Ein Staunen, das Neugierde weckt, einen Funken entfacht und in seinen Bann zieht. Es greift um sich, nimmt Raum ein und fesselt, ungeachtet, wen es auch trifft.“

Franziska Hartmann sieht den Besucher des Senckenberg-Museums entsprechend als Forscher – und das Museum als Ausgrabungsstätte und Experimentierfeld, die es zu entdecken gilt. Entsprechend gibt der neue Baukörper nach außen fast nichts von seinem Innern preis.

„Im Inneren fließen die Räume ineinander. Die Navigation erfolgt intuitiv und individuell durch Lichtpunkte und Höfe, Rampen und immer wieder neue Räume und Blickbeziehungen. Ausstellung und Raum bilden eine Einheit, eröffnen unzählige Möglichkeiten des Entdeckens und Probierens. Nischen bilden kleine, ruhige Zonen aus, hohe offene Räume schneiden sich in den Bestand, drücken sich durch auf eine andere Ebene, geben Einblicke und zeigen Bezüge auf. Der Neubau dringt in den Gebäudebestand ein und stößt vor bis in die flankierenden Gebäude der Wissenschaftler. Er durchbricht scheinbare Grenzen und ermöglicht eine ganzheitliche Erfahrung dessen, was Naturwissenschaftliche Forschung ausmacht.“

Mit jeder Entdeckung weitet sich der Blick, mit jedem Probieren wächst die Erkenntnis und mit jeder Expedition das Verstehen.

Die Prüfungskommission des Fachbereichs Architektur beurteilte die Diplomarbeit von Franziska Hartmann als herausragend. Die folgenden Kriterien waren für die Beurteilung ausschlaggebend:

Der Entwurf von Franziska Hartmann überzeugte in jeder Hinsicht. Mutig und in aller Konsequenz organisiert die Verfasserin nicht nur Bestand und Erweiterung neu, sondern bindet geschickt die flankierenden bisherigen Universitätsgebäude ein, die in Zukunft ebenfalls von der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft zu Forschungszwecken genutzt werden sollen. Mit dem zentralen neuen Sockelbaukörper gelingt es, das zukünftige Senckenbergquartier funktionsgerecht zu organisieren und ihm darüber hinaus eine neue, starke Identität zu verleihen. Dabei nimmt sich der neue Baukörper zurück, er orientiert sich an den Fluchten der Rücksprünge der flankierenden Gebäude.

Der Entwurf wirkt sehr reif und selbstverständlich. Die Verfasserin entwickelt eine räumliche Struktur, die den funktionalen Ansprüchen gerecht wird und dem Besucher des Museums ein ganz besonderes Erlebnis ermöglicht.Die Entwurfslösung ist bis zur Entwicklung der Möblierung des Ausstellungskonzepts ausgearbeitet. Fundierte Fachkenntnisse unterstützten die sichere Wahl der geeigneten Konstruktionen, Ausbau- und Technikdetails bis hin zu den Materialien und deren besonderer Anmutung: Hierzu ein Zitat aus der Arbeit:

„Die Anmutung einer Ausgrabungsstätte, einer Höhle mit erdiger Kühle und gefühlter Schwere wird durch die Umsetzung der Oberflächen in Stampfbeton erzeugt. Wie aus dem Boden gewachsen sind die einzelnen Schichten der Materialität erlebbar, verleihen Textur und bilden gleichzeitig Raumstruktur und Ausstellung. Nischen und Vitrinen werden eingeschoben in 1,20 m starke Wandelemente, die Wärme abstrahlen oder kühlen können, akzentuierte oder eine Grundbeleuchtung bereitstellen und eine Vielzahl an räumlichen Verknüpfungen, Durchblicken und Zonen ermöglichen.“

In ihrer Diplomarbeit beweist die Verfasserin einen sicheren Umgang mit nachhaltigen Architekturkonzepten sowie ressourcenschonendem Bauen:

„Das Energiekonzept des neuen Ensembles an der Senckenberganlage basiert ebenfalls auf der starke Verschneidung und Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Nutzungen und Baumassen. So lassen sich unterschiedliche Hüllenqualitäten in Alt- und Neubau im Jahresverlauf überlagern und Kälte- oder Wärmekaskaden im System ermöglichen ein Abfangen von Lastspitzen, wie auch eine sehr gezielte Steuerung spezifischer Anforderungen und Parallelitäten. Die Nutzer profitieren voneinander und bilden damit auch im technischen Sinne eine Einheit. Die Steuerung des Museums- und Ausstellungsbereiches erfolgt dann über eine zentrale Lüftungssystematik mit dezentraler Verteilung, welche sich die Masse des Neubaus zu Nutzen macht. So dienen schwere, vor Ort gestampfte, Betonscheiben mittels Bauteilaktivierung zur thermischen Trägheit des Körpers und Schächte im Zwischenraum zur Verteilung von wassergebundenen Energieträgern und Strom.“

Die Gesamtheit der bearbeiteten Aspekte, das Vermögen, städtische Raumbildung, Innenraumbildung, funktionale Anforderungen komplexer Nutzungen, Haustechnik und Ausstellungskonzept in einem schlüssigen und qualitätvollen Entwurf zu vereinen, zeichnen die Verfasserin in hohen Maße aus.

Prof. Manfred Hegger, Oktober 2011