Städte unter den Wolken

Städte unter den Wolken

Das städtebauliche Gefüge der klassischen Polis als Muster von Bedeutung, Norm und Überschreitung

Habilitation

In den Quellen zum griechischen Städtewesen stehen vereinzelten periegetischen Beschreibungen und utopischen Stadt- und Staatsvorstellungen reichhaltige archäologischn Befunde aus Zentrum und Peripherie der griechischen Staatenwelt gegenüber, die eine eminente regionale Diversität erkennen lassen. Ziel des Habilitationsprojekts ist es, diese unterschiedlichen Quellengattungen anhand ausgewählter Beispiele des 5. und 4. Jhs. v. Chr. miteinander zu vergleichen und in Hinblick auf ihre Aussagekraft zu überprüfen und das Phänomen der „griechischen Stadt“ besonders anhand der Bruchstellen und Interaktionszonen zwischen städtebaulichem Gefüge, sozialen Handlungsräumen und normativen Diskursen neu zu akzentuieren.

Dominik Maschek

In den Forschungen zur vormodernen Stadt kommt der griechischen Polis eine merkwürdig ambivalente Rolle zu. Einerseits begreift man die Polis als einigermaßen abstrakte Keimzelle einer frühen, städtisch zentrierten Bürgerkultur, die, vor allem im Athen der klassischen Zeit mit seinen auf breiter Basis eingerichteten politischen Partizipationsmöglichkeiten, den Vorläufer der modernen Demokratie verkörperte. Zum anderen betonte man in urbanistischer Hinsicht die scheinbare „Unmittelbarkeit“ und „Tangibilität“ der griechischen Stadt: Die formale Gestaltung der öffentlichen Bauten, Versammlungsplätze und Wohnquartiere könne gleichsam als Verkörperung der gesellschaftlichen wie kulturellen Ideale des Polisbürgers gelesen werden, wie es etwa Richard Sennett auf den Punkt brachte: „Die alten Griechen konnten die Komplexität des Lebens mit den Augen sehen. Die Tempel, die Märkte, die Stadien, die Versammlungsorte, die Mauern, die öffentlich sichtbaren Statuen und Bilder der antiken Stadt, sie alle verkörperten die Wertvorstellungen dieser Kultur in bezug auf Religion, Politik und Familie.“ (R. Sennett, Civitas. Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds (Berlin 2009) 13)

Gerade die Arbeiten der neueren Stadtforschung, Soziologie und Altertumswissenschaften lassen eine solche einfache und klare Trennung zwischen Materialität und Semantik antiker Städte jedoch in höchstem Maße fragwürdig erscheinen. So ist etwa damit zu rechnen, dass die Bedeutung städtischer Räume, ebenso wie deren grundlegende Definition, nicht nur im diachronen Längs-, sondern auch im synchronen Querschnitt in den Augen unterschiedlicher Akteure einem stetigen Wandel unterzogen war. Anstelle eines bloßen Abbildens der Gesellschaft brachte die materielle Formgebung der Stadt und ihrer Gebäude ihrerseits gesellschaftliche Zusammenhänge auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlicher Intensität und Wirkungsmacht hervor. Diese in höchstem Maße dynamischen, unruhigen und diskontinuierlichen Faktoren wurden in den eingangs genannten Deutungsmustern zugunsten eines weitgehend statischen Vorstellungsprinzips geglättet und vernachlässigt.

Das Habilitationsprojekt beschäftigt sich aus diesem Grund in erster Linie mit den Bruchstellen und Interaktionszonen zwischen städtebaulichem Gefüge, sozialen Handlungsräumen und sinngebenden wie normativen Diskursen. Wo, auf welche Weise und für welche Dauer wurden urbane Räume konstituiert? Wer trug dazu bei, und welche sozialen Regeln waren daran geknüpft? Welche Formen der Überschreitung und Krise lassen sich schließlich innerhalb solcher Räume nachweisen, und welche Bedeutung hatte derartige Diskontinuität für die gesellschaftliche wie kulturelle Praxis? Untersucht werden sollen all diese Faktoren und ihre Konstellationen am Beispiel Athens vom Beginn des Peloponnesischen Krieges bis in das ausgehende 4. Jh. v. Chr., eine Wahl, die in erster Linie durch die außergewöhnlich gute Quellen- und Forschungssituation bedingt ist. Anhand von vergleichenden typologischen Untersuchungen soll es überdies ermöglicht werden, die spezifische Lage Athens innerhalb der griechischen Poleis in jenem Zeitraum herauszustreichen und damit eine tragfähige Grundlage für weiterführende Studien zu antiker Stadtkultur im Spannungsfeld zwischen Materialität und Lebensvollzug zu liefern.