Im Westen viel Neues?

Im Westen viel Neues?

Untersuchungen zu Kulturationsprozessen am Beispiel phönizischer Niederlassungen im zentralen und westlichen Mittelmeerraum

Habilitation

Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der phönizischen Westexpansion in der Zeit zwischen dem 10. und 6. Jh. v. Chr., einem Phänomen, das bisweilen auch als „phönizische Kolonisation“ – in Anlehnung an die etwa gleichzeitige griechische Kolonisation – beschrieben wird.

Diesem liegt die Feststellung zugrunde, dass phönizischen Niederlassungen trotz ursprünglich ähnlicher Grundstruktur im Laufe der Zeit durch politisch-soziale Veränderungen, Umwelteinflüsse und Maßnahmen der Stadtbewohner ihre jeweils eigene Gestalt annahmen. Um die spezifische Ausprägung der phönizischen Städte aufzudecken und zu erklären, wird einerseits die Architektur als materiale Präsenz im Raum und andererseits die menschliche Praxis in der Stadt, die an der Produktion von Architektur beteiligt war und zugleich mit ihr in sehr unterschiedlicher Weise im Laufe der Zeit umging, untersucht.

Mozia, Areal C (Foto: Marion Bolder-Boos)
Mozia, Areal C (Foto: Marion Bolder-Boos)

Das Projekt beschäftigt sich dabei im Wesentlichen mit zwei Kernfragen:

1.) Wie waren die phönizischen Niederlassungen aufgebaut? Lassen sich Parallelen und Unterschiede in der architektonisch-urbanistischen Ausprägung dieser Siedlungen untereinander feststellen und wenn ja, erlauben sie Rückschlüsse auf die Funktion und Bedeutung dieser Siedlungen?

2.) Wie einflussreich waren Faktoren wie kultureller Austausch mit indigener Bevölkerung, Migration, Umweltbedingungen, Zugang zu bzw. Umgang mit Ressourcen, soziale Differenzierung und Mobilität oder Konkurrenzdenken für die unterschiedliche Ausprägung dieser Siedlungen, wie schlugen sich deren Auswirkungen in den Siedlungen nieder und warum wirkten manche Faktoren in einigen Fällen stärker als in anderen?

Für die Untersuchung der kulturellen Kontakte zwischen Phöniziern und Einheimischen scheint das Konzept der Kulturation adäquat zu sein. Kulturation beschreibt den Prozess, der geschieht, wenn kultureller Austausch stattfindet und dabei kulturelles Wissen wechselseitig übermitteln wird. Der Vorteil des Begriffs Kulturation gegenüber Modellen wie Akkulturation ist, dass er den Prozess wertneutral und unabhängig von sozialen oder politischen Machtverhältnissen beschreibt und dabei sowohl Wandel als auch Persistenz umfasst.

In Zusammenhang mit der Untersuchung der phönizischen Niederlassungen ist zu prüfen, inwieweit häufig verwendete Bezeichnungen wie „Handelsniederlassung“ oder „Faktorei“ zutreffend sind. Dabei soll nicht a priori ausgeschlossen werden, dass Handel eine Rolle bei der Wahl eines Siedlungsplatzes gespielt oder einen wichtigen ökonomischen Faktor im Leben einer phönizischen Siedlung dargestellt hat, doch wird der merkantile Aspekt der phönizischen Westexpansion, wie in neueren Untersuchungen bereits kritisiert, häufig überrepräsentiert. Auch ist die Deutung Karthagos als „großer Ausnahme“ unter den phönizischen Niederlassungen zu überprüfen. Untersuchungen zur Geschichte des zyprischen Kition etwa haben bereits gezeigt, dass auch diese Siedlung zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt zwischen dem 8. und frühen 5. Jh. v. Chr. als eigenständiges Stadtkönigtum eine Machtstellung auszubauen suchte und dabei auf regionaler Ebene recht erfolgreich war, bis die Ptolemäer diesem ein Ende setzten. Insofern ist für jede einzelne Niederlassung zu prüfen, ob Anzeichen für Eigenständigkeit oder sogar Expansionsbestrebungen vorhanden sind.