An der TH Darmstadt waren, wie an den meisten deutschen Hochschulen, nicht die Professoren, sondern die Studierenden die treibende Kraft von rechts. Im Darmstädter Studentenparlament erlangte der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) 1931 nach erstmaligem Auftreten auf Anhieb eine relative Mehrheit. Zu dieser Zeit brachen immer wieder innerstudentische Konflikte sowie Konflikte zwischen den Studierenden und dem Lehrkörper aus.
Anfang März 1933 kam es erstmals zu einer gravierenderen Auseinandersetzung mit den Anhängern des NSDStB, die im Anschluss an die Reichstagswahlen Hakenkreuzfahnen auf den Hochschulgebäuden hissten, was zu der Zeit offiziell verboten war. Der Dekan der Abteilung Architektur, Professor Paul Meißner, der den damaligen Rektor in seiner Abwesenheit vertrat, bewegte die Studenten zunächst dazu, die Flaggen am Hauptgebäude abzuhängen (siehe Abb. 1, diese zeigt aber vermutlich den Zustand der Beflaggung zu späterer Zeit). Meißner selbst begegnete den Vorgängen in der Zeit der „Machtergreifung“ mit Skepsis.
Wenig später folgte die TH Darmstadt allerdings den Vorgaben des NS-Regimes, welches 1933 als Instrument für die Entlassung von aus nationalsozialistischer Sicht politischen und „rassisch“ missliebigen Hochschullehrern das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ (kurz: BBG, siehe Abb. 2) einsetzte. Dies führte 1933 an der TH Darmstadt zu einer Welle an Entlassungen. Von diesen sogenannten „Säuberungen“ war die Abteilung Architektur in besonderem Maße betroffen. Es kam der §3 zur Anwendung, durch den „nichtarische“ Beamte in den Ruhestand versetzt werden konnten. Außerdem wurde der §6 genutzt, welcher – bewusst diffus gehalten – die Ruhestandsversetzung „zur Vereinfachung der Verwaltung“ ermöglichte. Zudem wurden in einer Denkschrift im Rahmen der „Lieser-Affäre“ weitere Architekturkollegen persönlich angegriffen, darunter auch Paul Meißner. Meißner wurde „vorgeworfen“, jüdischer Abstammung zu sein. Er wehrte sich gegen diese Behauptung und begab sich nach den Angriffen zunächst in Urlaub und entschloss sich in dieser Zeit mit Bedauern zur Emeritierung. Die Konflikte mit den nationalsozialistischen Kräften zeichneten ihn nachhaltig.
Insgesamt sieben Professoren und ein Assistent der Abteilung Architektur haben die Hochschule 1933 aus verschiedenen Gründen verlassen (siehe Abb. 3). Aber auch die verbliebenen Kollegen standen unter Dauerbedrohung von Bespitzelung und Denunziation durch Studenten, Assistenten und regimetreue Kollegen.
Hanna Thiel
Christof Dipper: Studentische Selbstmobilisierung an der TH Darmstadt. Die verspätete Bücherverbrennung am 21. Juni 1933. In: Noyan Dinckal, Christof Dipper, Detlev Mares (Hrsg.): Selbstmobilisierung der Wissenschaft. Technische Hochschulen im „Dritten Reich“, Darmstadt 2010, S. 85–102.
Melanie Hanel: Normalität unter Ausnahmebedingungen. Die TH Darmstadt im Nationalsozialismus, Darmstadt 2014.
Annegret Holtmann-Mares: „…meine Bestimmung liegt wohl im Lehrberuf“. Paul Meißner, der Hochschullehrer. In: Annegret Holtmann-Mares, Christiane Salge (Hrsg.): Paul Meißner (1868-1939). Ein Architekt zwischen Tradition und Aufbruch, Baunach 2019, S. 50–58.
Technische Universität Darmstadt (Hrsg.):Technische Bildung in Darmstadt. Die Entwicklung der Technischen Hochschule 1836–1996. Die THD unter dem NS-Regime, Darmstadt 1998.
Abbildungen:
Abb. 1 Die heutige Hochschulstraße mit dem Alten Hauptgebäude (links) zur Zeit des Nationalsozialismus, Bildquelle: Universitätsarchiv der TU Darmstadt.
Abb. 2 Auszug aus dem Text des Berufsbeamtengesetzes im Reichsgesetzblatt, 7. April 1933, Bildquelle: BArch, R 187/218, Image 247 & 248, online unter: https://www.bundesarchiv.de/DE/Content/Virtuelle-Ausstellungen/NS-Digitalisierung/Berufsbeamtentum_virtuelle_ausstellung.html.
Abb. 3 Die „Lieser-Affäre“ und „Säuberung“ im Jahr 1933, Bildquelle: Darstellung von Hanna Thiel & Maja Lindmüller 2024.