Die Abteilung Architektur der TH Darmstadt im Nationalsozialismus

Die im Header durchlaufenden historischen Fotografien zeigen die Lehre in der Abteilung Architektur der TH Darmstadt während der Zeit des Nationalsozialismus. Die dramatischen Entwicklungen, die sich zu dieser Zeit abgespielt haben, werden darin allerdings nicht sichtbar.

In der Abteilung Architektur der TH Darmstadt spitzte sich die Situation bis zum Jahr 1933 immer weiter zu, nachdem es unter anderem zu Konflikten zwischen dem nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund und dem Lehrkörper kam. Kurz nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ erfolgte dann die massenhafte Entlassung von Hochschullehrern – die sogenannte „Säuberung” – die die Abteilung Architektur besonders stark betraf. Mit der „Machtergreifung” der Nationalsozialisten 1933 wurden mehrere Denkschriften an der Technischen Hochschule Darmstadt verfasst, die den Zustand an den einzelnen Fachbereichen auf Regime-Konformität prüfen sollten. Für die Abteilung Architektur hatte die Denkschrift zur Folge, dass mehrere Professoren die Hochschule verlassen mussten. Dieses Ereignis ist als die „Lieser-Affäre“ bekannt.

Zwischen 1933 und 1945 erlebte die Architekturabteilung der TH Darmstadt eine starke Umstrukturierung des Lehrkörpers, bei der zahlreiche Professoren aufgrund der nationalsozialistischen Säuberungspolitik ersetzt wurden. Gleichzeitig stieg der Einfluss des NS-Regimes innerhalb des Lehrkörpers erheblich, was sich in der wachsenden Anzahl von Professoren widerspiegelte, die der NSDAP und anderen nationalsozialistischen Organisationen beitraten. Der Architekturprofessor Karl Lieser zeichnete für zwei Bauvorhaben der TH Darmstadt in dieser Zeit verantwortlich.

Während der NS-Zeit wurden Studierende an der TH Darmstadt aufgrund ihrer „nicht-arischen“ Abstammung ausgeschlossen. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs sind viele Architekturstudenten und junge Architekten zum Wehrdienst eingezogen worden. Der „Kriegseinsatz“ der Darmstädter Studierenden umfasste im Jahr 1940 zum Beispiel die Wiederaufbauarbeiten in den zurückgewonnenen Gebieten im Osten und im Elsass. Sie wurden aber auch bei militärischen Bauprojekten eingesetzt, um beispielsweise Bunker, Befestigungsanlagen oder militärische Infrastrukturen zu entwerfen und zu bauen. Nach dem Krieg erschwerten schwierige Studienbedingungen und unzureichende Überprüfungen der politischen Vergangenheit den Zugang. Ab 1949 wurde die Zulassung gelockert und ab 1950/51 spielte die politische Vergangenheit bei der Immatrikulation keine Rolle mehr.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges begann die Entnazifizierung auch an der TH Darmstadt und es bestand in der Hochschulleitung und den einzelnen Abteilungen Angst, dass durch Entlassungen die Wiedereröffnung in Gefahr geraten könnte. Daraufhin nutzte die Hochschulleitung Kontakte zu den beteiligten Behörden, um die Entnazifizierung der betroffenen Professoren zu beeinflussen und zu beschleunigen. Infolgedessen konnten zahlreiche entlassene Professoren frühzeitig wieder auf ihre Lehrstühle zurückkehren und zugleich kam es zu Neubesetzungen. Der Wiederaufbau nach 1945 bot dem Lehrkörper der Fakultät für Architektur an der TH Darmstadt ein breites Tätigkeitsfeld, sodass nach 1945 sowohl das Stadtbild als auch der Campus der TH von den Darmstädter Architekturprofessoren maßgeblich geprägt wurden. Bereits in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Phase intensiver Bautätigkeit, daher datieren einige der noch heute vorhandenen TU-Gebäude aus dieser Zeit oder gehen in ihrem Kern darauf zurück.

Majda Kostreba, Maja Lindmüller, Laetitia Rausch, Sonja Schumacher, Hanna Thiel, Jasmin Tietianiec, Chi Hsin Wang


Andreas Göller: Seltene Vorkriegsaufnahmen der TU Darmstadt. In: Archivnachrichten aus Hessen, Darmstadt 2007, Jg. 7, Nr. 2, S. 43, 44.

Melanie Hanel: Normalität unter Ausnahmebedingungen. Die TH Darmstadt im Nationalsozialismus, Darmstadt 2014.

Isabel Schmidt: Nach dem Nationalsozialismus. Die TH Darmstadt zwischen Vergangenheitspolitik und Zukunftsmanagement (1945–1960), Darmstadt 2015.

Technische Universität Darmstadt (Hrsg.): Technische Bildung in Darmstadt. Die Entwicklung der Technischen Hochschule 1836–1996. Die THD unter dem NS-Regime, Darmstadt 1998.

Technische Universität Darmstadt (Hrsg.): Technische Bildung in Darmstadt. Die Entwicklung der Technischen Hochschule 1836–1986. Übersicht und Chronik, Darmstadt 2000.

Abbildungen

Abb. 1 Einlieferung zum Vorexamen, Juli 1933
Bildquelle: Universitätsarchiv der TU Darmstadt, Nachlass Walter Foerster

Abb. 2 Übungen im Zeichensaal mit Heinrich Rudolf Walbe, Juli 1933
Bildquelle: Universitätsarchiv der TU Darmstadt, Nachlass Walter Foerster

Abb. 3 Übungen im Zeichensaal mit Heinrich Rudolf Walbe, Juli 1933
Bildquelle: Universitätsarchiv der TU Darmstadt, Nachlass Walter Foerster

Abb. 4 Beim Modellieren, August 1939
Bildquelle: Universitätsarchiv der TU Darmstadt, Nachlass Walter Foerster

Abb. 5 Einlieferung zum Vorexamen, Juli 1933
Bildquelle: Universitätsarchiv der TU Darmstadt, Nachlass Walter Foerster

Die heutige Hochschulstraße mit dem Alten Hauptgebäude (links) zur Zeit des Nationalsozialismus, Bildquelle: Universitätsarchiv der TU Darmstadt.
Die heutige Hochschulstraße mit dem Alten Hauptgebäude (links) zur Zeit des Nationalsozialismus, Bildquelle: Universitätsarchiv der TU Darmstadt.

An der TH Darmstadt waren, wie an den meisten deutschen Hochschulen, nicht die Professoren, sondern die Studierenden die treibende Kraft von rechts. Im Darmstädter Studentenparlament erlangte der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) 1931 nach erstmaligem Auftreten auf Anhieb eine relative Mehrheit. Zu dieser Zeit brachen immer wieder innerstudentische Konflikte sowie Konflikte zwischen den Studierenden und dem Lehrkörper aus.

Anfang März 1933 kam es erstmals zu einer gravierenderen Auseinandersetzung mit den Anhängern des NSDStB, die im Anschluss an die Reichstagswahlen Hakenkreuzfahnen auf den Hochschulgebäuden hissten, was zu der Zeit offiziell verboten war. Der Dekan der Abteilung Architektur, Professor Paul Meißner, der den damaligen Rektor in seiner Abwesenheit vertrat, bewegte die Studenten zunächst dazu, die Flaggen am Hauptgebäude abzuhängen (siehe Abb. 1, diese zeigt aber vermutlich den Zustand der Beflaggung zu späterer Zeit). Meißner selbst begegnete den Vorgängen in der Zeit der „Machtergreifung“ mit Skepsis.

Wenig später folgte die TH Darmstadt allerdings den Vorgaben des NS-Regimes, welches 1933 als Instrument für die Entlassung von aus nationalsozialistischer Sicht politischen und „rassisch“ missliebigen Hochschullehrern das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ (kurz: BBG, siehe Abb. 2) einsetzte. Dies führte 1933 an der TH Darmstadt zu einer Welle an Entlassungen. Von diesen sogenannten „Säuberungen“ war die Abteilung Architektur in besonderem Maße betroffen. Es kam der §3 zur Anwendung, durch den „nichtarische“ Beamte in den Ruhestand versetzt werden konnten. Außerdem wurde der §6 genutzt, welcher – bewusst diffus gehalten – die Ruhestandsversetzung „zur Vereinfachung der Verwaltung“ ermöglichte. Zudem wurden in einer Denkschrift im Rahmen der „Lieser-Affäre“ weitere Architekturkollegen persönlich angegriffen, darunter auch Paul Meißner. Meißner wurde „vorgeworfen“, jüdischer Abstammung zu sein. Er wehrte sich gegen diese Behauptung und begab sich nach den Angriffen zunächst in Urlaub und entschloss sich in dieser Zeit mit Bedauern zur Emeritierung. Die Konflikte mit den nationalsozialistischen Kräften zeichneten ihn nachhaltig.

Insgesamt sieben Professoren und ein Assistent der Abteilung Architektur haben die Hochschule 1933 aus verschiedenen Gründen verlassen (siehe Abb. 3). Aber auch die verbliebenen Kollegen standen unter Dauerbedrohung von Bespitzelung und Denunziation durch Studenten, Assistenten und regimetreue Kollegen.

Hanna Thiel

Christof Dipper: Studentische Selbstmobilisierung an der TH Darmstadt. Die verspätete Bücherverbrennung am 21. Juni 1933. In: Noyan Dinckal, Christof Dipper, Detlev Mares (Hrsg.): Selbstmobilisierung der Wissenschaft. Technische Hochschulen im „Dritten Reich“, Darmstadt 2010, S. 85–102.

Melanie Hanel: Normalität unter Ausnahmebedingungen. Die TH Darmstadt im Nationalsozialismus, Darmstadt 2014.

Annegret Holtmann-Mares: „…meine Bestimmung liegt wohl im Lehrberuf“. Paul Meißner, der Hochschullehrer. In: Annegret Holtmann-Mares, Christiane Salge (Hrsg.): Paul Meißner (1868-1939). Ein Architekt zwischen Tradition und Aufbruch, Baunach 2019, S. 50–58.

Technische Universität Darmstadt (Hrsg.):Technische Bildung in Darmstadt. Die Entwicklung der Technischen Hochschule 1836–1996. Die THD unter dem NS-Regime, Darmstadt 1998.

Abbildungen:

Abb. 1 Die heutige Hochschulstraße mit dem Alten Hauptgebäude (links) zur Zeit des Nationalsozialismus, Bildquelle: Universitätsarchiv der TU Darmstadt.

Abb. 2 Auszug aus dem Text des Berufsbeamtengesetzes im Reichsgesetzblatt, 7. April 1933, Bildquelle: BArch, R 187/218, Image 247 & 248, online unter: https://www.bundesarchiv.de/DE/Content/Virtuelle-Ausstellungen/NS-Digitalisierung/Berufsbeamtentum_virtuelle_ausstellung.html.

Abb. 3 Die „Lieser-Affäre“ und „Säuberung“ im Jahr 1933, Bildquelle: Darstellung von Hanna Thiel & Maja Lindmüller 2024.

Die „Lieser Affäre“, Maja Lindmüller und Hanna Thiel, Themenbereich Nationalsozialismus.
Die „Lieser Affäre“, Maja Lindmüller und Hanna Thiel, Themenbereich Nationalsozialismus.

Im April 1933 gründete Friedrich Walcher, der hessische Landesführer des Nationalsozialistischen Studentenbundes, zusammen mit einem Assistenten der Abteilung für Bauingenieurswesen die „Nationalsozialistische Arbeitsgemeinschaft“ der Technischen Hochschule Darmstadt. Ziel der Arbeitsgemeinschaft war es, Material zu sammeln, um missliebige Professoren und Assistenten zu denunzieren. Außerdem sollten Pläne zur Umgestaltung und Neubesetzung von Lehrstühlen gemacht werden, zudem sollte es eine Neuordnung von Prüfungsbestimmungen und die Schaffung eines Assistentenrechts geben. Zu den Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft gehörten Privatdozenten, Assistenten, Studenten, Beamte, Angestellte und Arbeiter der TH Darmstadt. Wenige Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten beauftragte Friedrich Walcher die „Nationalsozialistische Arbeitsgemeinschaft“ der TH mit der Erstellung einer Denkschrift. Darin sollten die Zustände der einzelnen Fachabteilungen auf Grundlage nationalsozialistischer Überzeugungen beurteilt werden. An der Denkschrift war Karl Lieser, ein Mitglied der Arbeitsgemeinschaft, beteiligt.

Karl Lieser war seit 1926 Assistent am Lehrstuhl für Baukunst von Professor Karl Roth an der TH Darmstadt. Als dieser bereits 1932 verstarb, vertrat ihn Lieser und machte sich Hoffnungen auf die Professur. Die Abteilung Architektur entschied sich allerdings für den zuvor in Danzig lehrenden Professor Karl Gruber. Wenige Monate nach der Machtergreifung verfasste Lieser zusammen mit dem Architekturstudenten Friedrich Fraikin die Denkschrift mit den Angaben über die Abteilung Architektur. In dieser wurden mehrere Darmstädter Professoren scharf angegriffen. Kritisiert wurden die politische Gesinnung, die vermeintlichen Charaktereigenschaften und das berufliche Können der Professoren Paul Meißner, Karl Gruber, Ludwig Wagner und Josef Plenk. Der Architekturprofessor Paul Meißner wurden „jüdische Verhaltensweisen“ nachgesagt, Karl Gruber, Professor für Entwerfen, Städtebau und Mittelalterliche Baukunst als „Kulturbolschewist“ bezeichnet und gleichermaßen als „fachlich unfähig“ dargestellt. Letzteres Urteil wurde auch über den Professor für Baukunst, Ludwig Wagner und Joseph Plenk, den Professor für Freies Zeichnen und Malen, gefällt.

Die Denkschrift erreichte die Darmstädter Hochschule einige Tage später, obwohl diese geheim zu halten war. Friedrich Walcher hatte eigentlich den Auftrag gegeben, die Denkschrift nur für Parteikreise anzufertigen, um sie dann an die Gauleitung weiterzugeben. Über einen Mitarbeiter des Kultusministeriums fand sie dennoch ihren Weg in das Rektorat der Hochschule. Im Mai 1933 versammelte sich daraufhin der große Senat, um die Denkschrift und die Zukunft Liesers and der Technischen Hochschule zu diskutieren. Man beschloss, Lieser die Lehrbefugnis zu entziehen und seine fristlose Entlassung beim Ministerium zu beantragen. Aufgrund dieser Entscheidung rechnete der Senat mit Unruhen und ließ die Hochschule aufgrund der Gefährdung der Ordnung des Lehrbetriebs kurzerhand schließen. Diese Maßnahmen waren jedoch nur von kurzer Dauer und hatten wenig Erfolg. Der Landesgruppenführer Walcher ließ die Hochschule durch den Nationalsozialistischen Studentenbund „besetzen“ und durch SA-Studenten „sichern“. Diese sorgten vor Ort für Unruhe und forderten die Professoren und Dozenten dazu auf, die Vorlesungen wie gewohnt abzuhalten. Durch die Unterstützung der Studenten in Form des NS-Studentenbundes, der Fachschaft der Architektur und des Gauleiters Jakob Sprenger wurden die Maßnahmen gegen Lieser rückgängig gemacht und er kehrte kurze Zeit später an die TH zurück.

Die aufgeführten Professoren der Denkschrift wiederum mussten die Hochschule verlassen. (Abb. 3) Die Professoren Wagner und Plenk wurden nach Paragraph 6 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtengesetzes (BBG, Abb. 2.1–2.2) entlassen und auf schlechter dotierte Stellen versetzt. Ludwig Wagner ging an die Kunstgewerbeschule in Mainz und Josef Plenk an die Kunstgewerbeschule in Offenbach. Paul Meißner ließ sich beurlauben und ist nicht mehr an die Hochschule zurückgekehrt, er wurde emeritiert. Karl Gruber blieb trotz der Denkschrift an der TH, da sich der NS-Studentenbund aus Danzig für ihren ehemaligen Professor einsetzte. Die Danziger Studenten wiesen alle in der Denkschrift gegen Gruber geäußerten Vorwürfe zurück und betonten, dass an seiner nationalen Gesinnung kein Zweifel bestehe.

Es gab noch weitere Personen aus der Abteilung Architektur, die 1933 die Hochschule verlassen mussten. Der Assistent Fritz Curtis wurde nach NS-Gesetz Paragraph 3 des BBG als „jüdischer Mischling“ entlassen. Der Professor für Kunstgeschichte Paul Hartmann wiederum wurde Ende September in den Ruhestand gezwungen, da dieser aus Altersgründen seine Position an jüngere Kollegen abgeben sollte. Unklar ist, weshalb die Professoren Heinrich Walbe, Professor für Baukunst, und Augusto Varnesi, Professor für Zeichnen, Entwerfen und Modellieren von Ornamenten, von ihren „amtlichen Pflichten entbunden“ worden sind.

Maja Lindmüller

Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich, Paderborn 1995.

Melanie Hanel: Normalität unter Ausnahmebedingungen: Die TH Darmstadt im Nationalsozialismus. Darmstadt 2014.

Technische Hochschule Darmstadt, Personal- und Vorlesungsverzeichnis (1930–1945).

Wie schon im Abschnitt zur „Lieser-Affäre“ vorgestellt, war die Abteilung Architektur der TH Darmstadt aufgrund der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten stark von Veränderungen betroffen. Insgesamt sechs Professoren wurden aus politischen Gründen entlassen oder gingen mehr oder weniger freiwillig in den Ruhestand. Es handelte sich um die Professoren für Baukunst, Paul Meißner, Ludwig Wagner, Heinrich Walbe, die Professoren für Zeichnen und Malen, Josef Plenk und Augusto Varnesi, sowie den Professor für Kunstgeschichte, Paul Hartmann. Von den ehemaligen, also vor 1933 berufenen acht Professoren, blieben lediglich zwei Professoren, Max Hummel, Professor für Baukunst und Bauwissenschaft, und Karl Gruber, Professor für Entwerfen, Städtebau und Mittelalterliche Baukunst, im Amt.

Die Vakanzen wurden sukzessive ab 1933 mit „regimetreuen“ Nachfolgern besetzt, so kamen für die Baukunst Joseph Tiedemann und Erich Mindner, die künstlerische Professur wurde von Hermann Geibel und die Kunstgeschichtsprofessur von Heinz Rudolf Rosemann angetreten. Der ehemalige Assistent Karl Lieser, der durch seine Denkschrift über die Professoren der Abteilung Architektur („Lieser Affäre“) mit verantwortlich für diesen umfassenden Personalwechsel war, gelang es 1934 eine außerordentliche Professur für Städtebau zu erhalten. 1934/35 wird zudem die langjährige Assistentin Ottilie Rady zur außerplanmäßigen und außerordentlichen Professorin für Kunstgeschichte berufen, eine Stellung, die sie aber nur bis 1937 innehat. Bis 1945 kommt es dann zu drei Änderungen unter den Professoren der Abteilung Architektur, mit dem Tod Erich Mindners 1939 wird Rudolf Geil als sein Nachfolger ernannt, nach dem Weggang von Rosemann nimmt der Kunsthistoriker Oskar Schürer seine Stellung ein und 1941 kommt es zu einer neuen Professur, Wilhelm Schorn wird Professor der Statik in Hochbaukonstruktionen.

Viele Professor:innen, die während der Zeit des Nationalsozialismus in der Abteilung Architektur an der TH Darmstadt lehrten, waren indirekte oder direkte Unterstützer des NS-Regimes sowie in nationalsozialistischen Parteien und Verbänden engagiert. Dies sei im Folgenden dargestellt.

Hermann Geibel, Professor für Freies Zeichnen und angewandte Plastik, war ab 1936 ein Mitglied der Darmstädter Künstlergemeinschaft (eine lokale nationalsozialistische Künstlergemeinschaft). Er war jedoch kein Mitglied der NSDAP.

Rudolf Geil war von 1935 bis 1937 Blockleiter der NSDAP – und nach seiner Ernennung als ordentlicher Professor für Hochbaukonstruktion an der TH Darmstadt 1940 von 1941 bis 1944 Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbundes.

Karl Lieser war schon vor seiner Berufung zum Professor als Assistent 1933 in die NSDAP und SA (Sturmabteilung) eingetreten, Seit 1936 war er zudem Landesleiter Hessen-Nassau der Reichskammer für bildende Künste.

Erich Mindner, war seit 1933 Mitglied der NSDAP.

Ottilie Rady, war bereits 1931 Mitglied im Kampfbund für deutsche Kultur, die sich schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten entschieden gegen das neue Bauen richteten, seit 1933 war sie zudem in den Verband der N.S. Volkswohlfahrt und in den N.S. Lehrerbund eingetreten. Inwiefern sie auch Mitglied der N.S. Frauenschaft war, ist unklar, sie hat jedoch an einer Dozentinnentagung der Reichsfrauenführerin teilgenommen und in entsprechenden politisch gesinnten Zeitschriften publiziert.

Heinz Rudolf Rosemann war von 1940 bis 1944 zum Teil von der Lehre beurlaubt und hat als Kriegsoberverwaltungsrat im Militärischen Kunstschutz als Leiter des Kunstschutzreferats für Belgien und Nordfrankreich gearbeitet.

Wilhelm Schorn, der erst 1941 Professor für Statik und Hochbaukonstruktion an der TH wurde, war bereits seit 1937 NSDAP-Mitglied, von 1935 bis 1940 Rottenführer beim NSKK (Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps).

Oskar Schürer, Professor für Kunstgeschichte, war Teil der nationalkonservativen Klasse der Kunst. Obwohl er kein Mitglied der NSDAP war, unterstützte er das Regime indirekt durch seine Arbeit.
Für die beiden Professoren Tiedemann und Karl Gruber lassen sich keine Beteiligungen in nationalsozialistischen Organisationen nachweisen.

Zu dem Entnazifizierungsverfahren dieser Personen siehe den entsprechenden Abschnitt.

Majda Kostreba, unter Mitarbeit von Christiane Salge

Melanie Hanel: Normalität unter Ausnahmebedingungen. Die TH Darmstadt im Nationalsozialismus, Darmstadt 2014.

Technische Universität Darmstadt (Hrsg.): Technische Bildung in Darmstadt. Die Entwicklung der Technischen Hochschule 1836–1986. Übersicht und Chronik, Darmstadt 2000.

Technische Universität Darmstadt (Hrsg.): Technische Bildung in Darmstadt. Die Entwicklung der der Technischen Hochschule 1836–1996. Die THD unter dem NS-Regime, Darmstadt 1998.

Personal- und Vorlesungsverzeichnisse der TH Darmstadt vom Studienjahr 1931/32 bis Studienjahr 1944/45, Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt.

Professorenwechsel in der Abteilung Architektur an der TH Darmstadt von 1944 bis 1947, Darstellung von Laetitia Rausch.
Professorenwechsel in der Abteilung Architektur an der TH Darmstadt von 1944 bis 1947, Darstellung von Laetitia Rausch.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges begann die Entnazifizierung in den verschiedenen Zonen Deutschlands zunächst ohne gesetzliche Vorgaben oder einheitliche Regelungen und war dementsprechend unkoordiniert.

In Darmstadt fand ein erstes Treffen des Verwaltungsrates der TH Darmstadt mit dem amerikanischen Militäroffizier Oberst Irvin zu diesem Aspekt am 30. August 1945 statt. Irvin sah zunächst wenig Notwendigkeit für eine unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Thema, dementsprechend wurden bis zum Herbst 1945 keine politisch belasteten Professoren in Darmstadt entlassen. Und auch die Hochschule war wenig interessiert an einer intensiveren Untersuchung der politischen Vergangenheit ihrer Professoren, da sie befürchtete, dass durch eine größere Anzahl an Entlassungen die Wiedereröffnung aufgrund von Personalmangel in der Lehre in Gefahr wäre.

Eine erste Entlassungswelle, die elf ordentliche und außerordentliche Professoren an der TH Darmstadt betraf, begann am 31. Oktober 1945. Darunter befand sich auch der Professor für Hochbaukonstruktionen, Rudolf Geil. Er war seit 1933 Parteimitglied der NSDAP und von 1941 bis 1944 auch Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbundes und galt somit als politisch belastet. Die TH Darmstadt erreichte aber eine Übereinkunft, dass die betroffenen Professoren bis zum Ende ihres Entnazifizierungsverfahrens zunächst nur als suspendiert und nicht als entlassen betrachtet wurden. Daher wurden acht Professoren als sogenannte „technische Hilfskräfte“ weiterhin beschäftigt. Dies betraf auch Rudolf Geil, der für die Bauarbeiten der Technischen Hochschule sowie den Wiederaufbau der Stadt Darmstadt unter der Leitung von Professor Gruber tätig wurde. Da dies aber ein Verstoß gegenüber den Vorgaben der amerikanischen Besatzungsmacht darstellte, wurde Rudolf Geil im Juni 1946 offiziell entlassen. Die TH legte jedoch für ihn, wie einige andere ausgewählte Personen Einspruch, sogenannte „Appeals“, gegen die Entlassung ein.

Im August 1946 begannen die Spruchkammerverfahren in Darmstadt. Von insgesamt 50 Professoren der TH waren 22 als „nicht betroffen“ eingestuft worden, 26 Professoren mussten zu Verhandlungen vor der Spruchkammer erscheinen. Während der Verfahren lag es an den Angeklagten selbst, sich Beweise für ihre Unschuld zu suchen. Dies führte seit dem Herbst 1945 zu einer Flut an sogenannten Persilscheinen, die von befreundeten Professoren, Studierenden, internationalen Kollegen, Familienangehörigen, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und auch international anerkannten Wissenschaftlern ausgestellt wurden. Durch Sondergenehmigungen gelang es der TH im Herbst 1946, weitere Entlassungen zu verhindern beziehungsweise hinauszuzögern. So erhielt Rudolf Geil vom Kultusministerium eine Sondergenehmigung für 60 Tage, für im Zuge des Wiederaufbaus besonders wichtige Wissenschaftler, die noch mehrfach verlängert wurde. Die Darmstädter Hochschulleitung nutzte die Kontakte zu den beteiligten Behörden, um Urteile der Entnazifizierungsprozesse zu beeinflussen und vor allem bei den wichtigsten Professoren zu beschleunigen. Bis 1947 waren alle Verfahren beendet.

Rudolf Geil wurde in einem der Verfahren 1947 als „Mitläufer“ eingestuft und entlassen. Allerdings bekam er bereits 1950 wieder einen Lehrauftrag an der TH, zunächst am Fachbereich Bauingenieurwesen und von 1958 bis 1962 wurde er sogar außerordentlicher Professor für Technischen Ausbau und Baustoffkunde in seinem alten Fachbereich Architektur.

Durch die Beeinflussung der Entnazifizierungsverfahren seitens der TH konnten zahlreiche zunächst entlassene Professoren bereits ab 1946 wieder auf ihre Lehrstühle zurückkehren. Mittels Sondergenehmigungen konnten sogar als „Mitläufer“ eingestufte Professoren eingestellt bleiben. Dadurch verhinderte die TH größtenteils Ausfälle und Personalknappheit und konnte frühzeitig wieder den Regelbetrieb in der Lehre aufnehmen.

Dies zeigt die große Differenz zwischen den eigentlichen Vorgaben zur Durchführung der Entnazifizierungsverfahren und der praktizierten Realität auf (Abb. 1).

Die Professoren Karl Gruber, Oskar Schürer, Josef Tiedemann und Hermann Geibel wurden bereits im März 1946 nach Auswertung ihrer Meldebogen nach dem Befreiungsgesetz als „nicht betroffen“ eingestuft, sie konnten trotz ihrer teils starken, teils geringeren, teils unklaren politischen Verstrickungen während der Zeit des Nationalsozialismus (siehe dazu ihre Biographien) ihre Lehrtätigkeiten fortführen.

Wilhelm Schorn, der seit 1941 Professor für Statik der Hochbaukonstruktionen in der Abteilung Architektur der TH Darmstadt war, musste nach Auswertung seines Meldebogens im August 1946 zu Verhandlungen vor einer Spruchkammer erscheinen. Er war seit 1937 Mitglied der NSDAP und von 1935 bis 1940 Rottenführer beim Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps gewesen. Ende Oktober 1946 erhielt er eine mündlich erteilte Sondergenehmigung durch die amerikanische Militärregierung, die ihm ermöglichte, seine Entlassung bis zum Ende seines Spruchkammerverfahrens herauszuschieben. Letztlich wird er 1947 als „Entlasteter“ eingestuft und behält seine Professur bis 1963.

Karl Lieser arbeitete nach Ende des Krieges noch an der Enttrümmerung der TH mit. Er wurde am 7.September 1945, mit Wirkung vom 1. April 1945, aus „politischen Gründen“ (siehe hierzu auch den Abschnitt zur „Lieser-Affäre“) entlassen. Seine politische Belastung war der Hauptgrund, jedoch war sich die Leitung der TH zu diesem Zeitpunkt bereits einig, dass Ernst Neufert Liesers Nachfolger werden sollte. Nach Abschluss seines Verfahrens im Jahr 1948 wurde Lieser als „Mitläufer“ eingestuft.

Das heißt, von den Professoren, die 1933 neu eingestellt worden sind, wurden lediglich Karl Lieser und Rudolf Geil entlassen, letzterer arbeitete aber bereits seit 1950 wieder mit Lehraufträgen an der TH Darmstadt tätig. Die anderen fünf Professoren, die bereits während des Nationalsozialismus lehrten, wurden als entlastet eingestuft und waren wie Wilhelm Schorn, Hermann Geibel und ab 1958 dann auch wieder Rudolf Geil zum Teil bis in die 1960er Jahre hinein fester Bestandteil des Lehrkörpers der Architektur in Darmstadt.

Laetitia Rausch

Isabel Schmidt: Nach dem Nationalsozialismus. Die TH Darmstadt zwischen Vergangenheitspolitik und Zukunftsmanagement (1945–1960), Darmstadt 2015.

Technische Universität Darmstadt (Hrsg.): Technische Bildung in Darmstadt. Die Entwicklung der Technischen Hochschule 1836–1986. Vom Wiederaufbau zur Massenuniversität, Darmstadt 2000.

Personal- und Vorlesungsverzeichnis der Technischen Hochschule Darmstadt 1930–1946.

https://dfg-vk-darmstadt.de/lexikon.htm (abgerufen am 11.06.2024)

Abb. 1 Professorenwechsel in der Abteilung Architektur an der TH Darmstadt von 1944 bis 1947 (Darstellung von Laetitia Rausch)

Bombensicherer Luftschutz im Wohnungsbau, Ernst Neufert,,Berlin 1941, o.S.
Bombensicherer Luftschutz im Wohnungsbau, Ernst Neufert,,Berlin 1941, o.S.

Am 10. Januar 1946 begann an der TH Darmstadt das erste Semester nach dem Ende des „Dritten Reiches”. Im Zuge des Wiederaufbaues wurden Fachleute dringend benötigt und insofern fanden die beiden Fächer Architektur und Bauingenieurwesen in den ersten Nachkriegssemestern einen recht großen Zulauf in Darmstadt, sodass man auch relativ schnell die Berufung neuer Professoren anging.

An der Fakultät für Architektur konnten – wie im Abschnitt zur Entnazifizierung erläutert – der größte Teil der sieben Professoren trotz ihrer politischen Verstrickungen ihre Stelle behalten, lediglich Karl Lieser und zunächst auch Rudolf Geil wurden entlassen. Anhand von zwei Beispielen aus der Architekturabteilung soll im Folgenden gezeigt werden, dass man an der TH Darmstadt auch bei der Neubesetzung von Professuren die politische Vergangenheit der Kandidaten weitgehend unberücksichtigt ließ.

Bereits im Juli 1945 kam mit Ernst Neufert eine weitere Professur hinzu. Er hatte am Bauhaus studiert und es bereits 1936 als Autor der Standardwerke „Bauentwurfslehre“ sowie der „Bauordnungslehre“ zu internationaler Bekanntheit gebracht. Dies eröffnete ihm während des „Dritten Reiches” die Möglichkeit, in die NS-Funktionselite aufzusteigen: 1938 ernannte ihn Albert Speer zum Generalbauinspektor für die Neugestaltung der Reichshauptstadt, später zum Reichsbeauftragten für Baunormung. 1943/44 wurde er zum Mitarbeiter Speers im Arbeitsstab für die Wiederaufbauplanungen zerstörter Städte. Diese politische Vergangenheit in der Zeit des Nationalsozialismus spielte aber offensichtlich für seine Berufung keine Rolle, sein Entnazifizierungsverfahren wurde mit großer Eile betrieben, sodass er 1945 auf eine Professur für Baukunst an der TH Darmstadt berufen wurde. Neufert bestritt trotz seiner zahlreichen Ämter während des Nationalsozialismus jede Berührung mit der NSDAP und jegliche Annahme von der Partei. So kam es, dass er die Nachfolge von Karl Lieser antrat, der aufgrund der politischen Belastung von den amerikanischen Behörden entlassen und nach dem Abschluss seines Verfahrens als Mitläufer eingestuft wurde.

1948 wurde der Architekt Theodor Pabst auf eine Professur für Baukunst berufen, der ebenso wie Neufert zu den Vertretern der sogenannten Moderne gehörte. Pabst hatte in den 1920er Jahren bei Theodor Fischer studiert und in der Postbauschule gearbeitet. Während des „Dritten Reiches” nahm Pabst erfolgreich an Wettbewerben teil, ohne dass seine Entwürfe umgesetzt wurden. 1933 war er der NSDAP beigetreten und 1934 war er als ausführenden Architekten für die Wohnhäuser der Mustersiedlung Ramersdorf in München mitverantwortlich, die kurz nach der Machtübernahme des NS-Regimes auf der Deutschen Siedlungsausstellung als beispielhafte Verkörperung des nationalsozialistischen Siedlungsgedankens präsentiert werden sollten.

Während sich also sowohl Ernst Neufert wie Theodor Pabst im Nationalsozialismus erfolgreich angepasst hatten, der eine NSDAP-Mitglied war und der andere in dieser Zeit wichtige Ämter einnahm und beide regimegetreue Architektur entwarfen, sah das bei dem dritten nach 1945 neuberufenen Professor anders aus. Jan Hubert Pinand, der 1946 auf die Professur für Entwerfen und Kirchenbau berufen wurde, war ein Architekt, der aufgrund seiner Tätigkeit als Kirchenarchitekt 1933 als Professor an der Mainzer Kunst- und Gewerbeschule von den Nationalsozialisten entlassen wurde und von da an unter Beobachtung stand.

Chi Hsin Wang und Christiane Salge

Technische Universität Darmstadt (Hrsg.): Technische Bildung in Darmstadt. Die Entwicklung der der Technischen Hochschule 1836–1996, Bd. 5, Darmstadt 2000.

Isabel Schmidt: Nach dem Nationalsozialismus: die TH Darmstadt zwischen Vergangenheitspolitik und Zukunftsmanagement (1945–1960), Darmstadt 2015.

Andreas Göller: Seltene Vorkriegsaufnahmen der TU Darmstadt. In: Archivnachrichten aus Hessen, Darmstadt 2007, Jg. 7, Nr. 2.