Wettbewerbe, Preise und Studierendenarbeiten in der Architektur an der TH Darmstadt (1879–1945)
Die Preisaufgaben sind eine zwischen 1879 und 1945 praktizierte Form von Aufgabenstellung in den Entwurfsfächern der Abteilung Architektur sowie auch anderer Fachabteilungen an der TH Darmstadt. Das Preisgeld wurde von dem Großherzoglichen Ministerium des Inneren und der Justiz (später Hessische Landesregierung) zur Verfügung gestellt, ergänzend wurden Zusatzpreise aus privaten Stiftungen bereitgestellt. Im Falle der Architekturabteilung erwies sich die Diehl-Stiftung als großzügige Spender-Institution. Die in einjährigem Turnus herausgegebenen Aufgaben wurden von einem Professor der jeweiligen Fachrichtung betreut und waren auf die konkreten Disziplinen ausgerichtet. Neben der Abteilung für Architektur bearbeiteten die Studierenden des Ingenieurwesens, Maschinenbaus, der Elektrotechnik, Chemie, Mathematik und Naturwissenschaften die Preisaufgaben. Grundsätzlich konnte jeder Studierende der beteiligten Fachdisziplinen einen Beitrag, innerhalb der festgelegten Frist, beim Rektorat einreichen.
Die erste schriftliche Erwähnung über die Preisaufgaben findet sich im Programm der Grossherzoglich Hessischen Technischen Hochschule zu Darmstadt für das Studienjahr 1879/1880. In diesem Programm sowie in denen der Folgejahre erhält man Auskunft über die konkreten aktuellen Entwurfsaufgaben, die zu erbringenden Leistungen, die Höhe des dotierten Preisgeldes und zugleich werden jeweils die Gewinner: innen der vorjährigen Preisaufgaben publiziert. Eine Zusammenstellung aller Preisaufgaben des Fachbereichs Architektur ab dem Studienjahr 1879/80 bis 1944/45 isthier (PDF-Datei) (wird in neuem Tab geöffnet) zu finden. 1944/45 wird darauf hingewiesen, dass die Preisaufgaben zukünftig ausschließlich in Form eines Aushangs einzusehen sind, sodass uns hier leider weitere Informationen fehlen.
Art und Umfang der Preisaufgaben in der Architektur unterschieden sich über die Jahre stark. Die Aufgabenstellungen erstreckten sich von der Bauaufnahme in Form von Zeichnungen und Skizzen, über Entwürfe von Kirchen und Gemeinschaftshäusern, bis hin zu größeren städtebaulichen Planungen. Ebenso spiegeln sich in den Aufgaben oft die Zeitkontexte wider. So ist beispielsweise in der Preisaufgabe von 1941/42 von Professor Karl Gruber ein Entwurf für den Wiederaufbau einer zerstörten Dorfmitte u.a. mit einem Hitlerjugend-Heim gefordert (Abb. 1.1).
Das Diagramm zeigt die Entwicklung der Preisgeldsumme am Fachbereich für Architektur und lässt erkennen, dass sich die Höhe des Preisgeldes auf 40 bis 250 Mark beläuft (Abb. 1.2). Die Ausnahmen in den Jahren zwischen 1921 und 1923 lassen sich sicherlich auf die Hyperinflation in Folge des ersten Weltkriegs zurückführen. Unter Einbezug des Kaufkraftäquivalents, entsprach die Realkaufkraft des Preisgeldes im Durchschnitt rund 1000 € heutiger Zeit (Abb. 1.3).
Die vom Land geförderten Preisaufgaben gibt es in dieser Form heutzutage nicht mehr. Allerdings bieten andere Wettbewerbsaufgaben, deren Preisgelder von Unternehmen, Funktionären oder Stiftungen gestellt werden, auch heute noch den Studierenden des Fachbereichs Architektur die Möglichkeit, durch überzeugende Arbeiten Preisgelder zu gewinnen. Die Entwurfsaufgaben werden je nachdem von den Fachgebieten alleine oder in Zusammenarbeit mit den Preisgeldstellern entwickelt und juriert. Eine Auflistung aller Preise und Auszeichnungen am FB15 findet sich hier.
Die Annahme, Aufzeichnungen über die Gewinnerprojekte der Preisaufgaben der TH Darmstadt in den Publikationen des Akademischen Architekten-Verein Darmstadts (AAVD) aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts zu finden, stellte sich leider als negativ heraus. Ein allgemeiner Zusammenhang zwischen Studierendenentwürfen der TH und den Publikationen des AAVD lässt sich dennoch feststellen.
Malcolm Unger, Franka Wolf
Großherzogliche Technische Hochschule zu Darmstadt: Programm für das Studienjahr 1912/13, Darmstadt 1912, S. 103–105.
Technische Hochschule Darmstadt: Personal- und Vorlesungsverzeichnis für Sommersemester 1944 und Wintersemester 1944/45, Darmstadt 1944, S. 20.
Der Akademische Architekten Verein Darmstadt
Der Akademische Architekten Verein Darmstadt, kurz AAVD, war ein 1897 gegründeter Zusammenschluss von praktizierenden Architekten, Lehrenden und Studierenden der Architektur in Darmstadt. Dieser veröffentlichte im jährlichen Turnus schriftliche Umdrucke (mal als „Skizzen“, „Studienblätter“ oder „Studienheft“ betitelt) als Mittel der Kommunikation von Architektur und deren Zeitgeist in der Lehre. Die Reihe der Veröffentlichungen wurde durch den Ausbruch des Krieges im Jahre 1914 unterbrochen und erst im September 1924 wieder aufgenommen. Die Dokumentation der Hefte weist in den Bibliotheken und Archiven Lücken auf, es ist aber zu vermuten, dass die Veröffentlichung 1898 startete, die letzte Ausgabe ist bislang nicht exakt zu ermitteln, dürfte aber in den späten 1920er Jahren liegen.
Die Hefte des AAVD kuratieren verschiedenste Formen von Architekturzeugnissen aus der Lehre der Technischen Hochschule Darmstadt in Form von Entwurfszeichnungen und Skizzen. Des Weiteren werden Reiseskizzen der Architekturprofessoren (Abb. 2.1), Naturstudien (Abb. 2.2), Stadtraumfotografien (Abb. 2.3) und Fotografien von Plastiken (Abb. 2.4) abgedruckt. Zusätzlich veröffentlichte der AAVD, teils in Sonderausgaben, die Einreichungen zu spezifischen Wettbewerbsausschreibungen im Raum Darmstadt.
Exemplarisch seien im Folgenden die beiden digitalisiert vorliegenden Ausgaben Jahrgang 1901 (PDF-Datei) (wird in neuem Tab geöffnet) und 1924 (PDF-Datei) (wird in neuem Tab geöffnet) verglichen (siehe auch Abb. 2.5).
Im Studienblatt des AAVD aus dem Jahr 1901 stehen die Zeichnungen noch ganz deutlich im Zeichen des Historismus. Die Ansichten eines Jagdturms, Rathauses und Bootshauses sind rein frontal dargestellt, aber eingebettet in einen atmosphärischen städtischen bzw. Naturraum. Das historische Stilvokabular, die altertümliche Schrifttype sowie die historistische Ornamentik der publizierten Innenraumausstattung entsprechen der damaligen konservativen architektonischen Haltung der Architekturprofessoren an der TH Darmstadt und stehen in einem deutlichen Kontrast zu der im gleichen Jahr erstmals auf der Mathildenhöhe gezeigten Künstlerausstellung „Ein Dokument Deutscher Kunst“.
Deutlich anders präsentieren sich die Entwürfe in dem Heft der AAVD von 1924. Stilistisch sind einige der Arbeiten der sogenannten konservativen Moderne zuzurechnen, erstmals sind auch Lagepläne mit abgedruckt, die die Einbindung der Entwürfe in den städtebaulichen Kontext verdeutlichen. Mit dem Wettbewerbsthema des AAVD „Ideen zur Erweiterung eines Hafens und Bebauung mit Silos und Lagerhäusern“ werden nun auch neue Bauaufgaben abgebildet, was sich zum Teil auch in der veränderten, dramatischeren zeichnerischen Darstellungsweise zeigt.
Dass in den Publikationen des AAVD nicht nur Arbeiten von etablierten Architekten, sondern auch Teile der Diplomarbeiten von Studierenden publiziert wurden, sei kurz anhand von Fritz Dorst und Hans Pieper (1882–1946) vorgestellt. Wie aus den Vorlesungsverzeichnissen der TH Darmstadt hervorgeht, absolvierte Pieper seine Diplomarbeit vermutlich bei Georg Wickop 1905/06. Sein Diplomentwurf zu einem „Rathaus für eine mittlere Kreisstadt“ wurde im Heft 31 des AAVD auf fünf Seiten abgedruckt (Abb. 3.1-3.3). Und auch die Diplomarbeit von Dorst, die einen „Entwurf zu einem Theater“ darstellte, wurde in Heft 42 auf drei Seiten publiziert (Abb. 4.1-4.3). Hier lassen sich sogar anhand der Unterschriften auf einem Blatt die beiden Betreuer, die Professoren Karl Hofmann und Ernst Vetterlein festmachen. Die noch viel zu wenig beachteten Publikationen des AAVD sind somit auch eine interessante Quelle, um mehr über die Entwurfs- und Prüfungsaufgaben der Abteilung Architektur an der TH Darmstadt zu erfahren.
Malcolm Unger, Franka Wolf
Hefte des Akademischen Arch.-Verein Darmstadt
Großherzogliche Technische Hochschule zu Darmstadt: Programm für das Studienjahr 1906/07, Darmstadt 1906, S. IV.
Großherzogliche Technische Hochschule zu Darmstadt: Programm für das Studienjahr 1912/13, Darmstadt 1912, S. XI.
Abbildung 3.1 Hans Pieper, Entwurf zu einem Rathaus für eine mittlere Kreisstadt, Ansichten, Diplomarbeit im Studienjahr 1905/06 (AAVD)
Abbildung 3.2 Hans Pieper, Entwurf zu einem Rathaus für eine mittlere Kreisstadt, Ansichten, Diplomarbeit im Studienjahr 1905/06 (AAVD)
Abbildung 3.3 Hans Pieper, Entwurf zu einem Rathaus für eine mittlere Kreisstadt, Kellergeschoss, Diplomarbeit von im Studienjahr 1905/06 (AAVD)