Bereits an der Vorgängerinstitution der TH Darmstadt, der 1836 gegründeten Großherzoglich Hessischen höheren Gewerbeschule, gab es seit 1849 eine eigene, sogenannte Bauklasse, deren Vorstand und Lehrer der Baumeister Balthasar Harres war. Anhand des Lehrprogramms von 1858 kann man ersehen, wie das dreijährige Curriculum der Bauklasse aufgebaut war. Neben Fächern aus dem Bereich Mathematik, Naturwissenschaft und Technik gab es architekturspezifischen Unterricht in Baukunde und -materialienlehre, „Constructive Uebungen im Baufach“, Baukonstruktionslehre und Gebäudeeinrichtung, Baukunst sowie Architektur- und freies Handzeichnen. Zu beobachten ist, dass der Anteil an fachspezifischen Lehrstunden sukzessive von im ersten Jahr 16, im zweiten Jahr 18 auf 24 Stunden im dritten Jahr anstiegen, bei einer Gesamtzahl von jeweils 32 Semesterwochenstunden (SWS).
Übersicht der Lehrgegenstände in der Bauklasse der Großherzoglichen Gewerbeschule 1858 (Programm der Großherzoglichen höheren Gewerbeschule zu Darmstadt, 1858).
Übersicht der Lehrgegenstände in der Bauklasse der Großherzoglichen Gewerbeschule 1858 (Programm der Großherzoglichen höheren Gewerbeschule zu Darmstadt, 1858).
Im Jahr 1877 wurde mit der Gründung der Technischen Hochschule auch der Lehrplan angepasst. Der Lehrplan von 1888/1889 zeigt, dass die Lehre nun auf vier Jahre verlängert wurde und deutlich mehr Wochenstunden (um die 40 SWS) einnahm. Der Unterricht ist weiterhin in den ersten beiden Jahren in allgemeine wissenschaftliche und bauspezifische Fächer aufgeteilt, während in den letzten beiden Jahren der Unterricht fast ausschließlich auf klassische Architekturfächer ausgelegt ist. Der Fächerkanon ist dabei deutlich weiter ausdifferenziert, so drückt sich der vorherrschende Historismus in der umfangreicher angebotenen Kunstgeschichts- und Bauformenlehre sowie dem Unterricht in Ornamentik aus, auch wird ab dem dritten Lehrjahr in jedem Semester ein acht Semesterwochenstunden umfassender Entwurfsunterricht von dem Professor Heinrich Wagner angeboten. Neu hinzu kommen die Fächer „Eisen-Constructionen des Hochbaues“, die von dem Professor für Statik der Baukonstruktionen und Brückenbau, Theodor Landsberg, angeboten wurde sowie einige wenige Stunden in den Bereichen der Volkswirtschafts- und Rechtslehre. Auch das Planzeichen kommt als eigenständiges neues Fach hinzu und ergänzt so das Freihandzeichnen des vorhergehenden Lehrplans.
Studienplan der Bauschule an der TH Darmstadt (Programm der Großherzoglich Hessischen Technischen Hochschule zu Darmstadt für das Studienjahr 1888–1889).
Der Städtebau findet nachweislich erstmals im Sommersemester 1907 Einzug in die Architekturlehre an der TH-Darmstadt. Der 1902 zum Professor für Baukunst, Städtebau und Kirchenbau berufene Friedrich Pützer bot hierzu für das vierte Unterrichtsjahr fünf Wochenstunden an. Der Städtebau blieb von da an fester Bestandteil der Architekturausbildung in Darmstadt. Erwähnenswert sind die Exkursionen, die laut dem Vorlesungsprogramm von 1906/07 in den die Vorlesungen begleitenden Übungen alle vier Wochen regelmäßig angeboten wurden. Auch der Entwurfsunterricht wurde weiter ausgebaut, nun boten zwei Professoren in den letzten beiden Jahren entsprechende Kurse an und Pützer gab Stehgreifentwürfe heraus. Zugleich wurde den Studierenden – vergleichbar zu heute – ein mindestens achtwöchiges Baustellenpraktikum vor dem Studium nahegelegt, welches im Falle der Diplomprüfung verpflichtend war.
Obwohl es ab 1933 in der Abteilung Architektur einen durch die Nationalsozialisten motivierten Personalwechsel gab, drücken sich die damit sicherlich veränderten Lehrinhalte nicht im Stundenplan aus. Allerdings gab es, das ist im Stundenplan von 1940 zu sehen, neben den bewährten Fächern nun auch „pflichtmäßige Leibesübungen“ für die ersten drei Semester, dieser Sportunterricht war aber für alle Studierenden vorgesehen, nicht architekturspezifisch und wurden nach dem Zweiten Weltkrieg auch wieder verworfen. Neu war das Fach “Maßstäbliches Aufnehmen von Gebäuden“, welches von dem 1933 neu berufenen Professor Karl Gruber angeboten wurde.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird der Bereich des Entwerfens weiter ausgebaut, so bieten nun die vier Professoren Heinrich Bartmann, Karl Gruber, Ernst Neufert und Jan Hubert Pinand in jedem Semester je siebenstündige Entwurfsübungen an, auch der noch heute übliche Stehgreif-Entwurf wird wieder in das Lehrangebot aufgenommen. Zu dem bisherigen Lehrangebot treten neu die Kurse „Heizung und Lüftung“ oder „Stahlbeton“ hinzu.
In den 1970er Jahren nehmen die Kurse „Tropenbau I+II“ und „Rechnergestütztes Zeichnen“ Einzug in den Kanon der Architektenausbildung und spiegeln den Zeitgeist und technischen Fortschritt wider.
Die Stundenpläne und die damit zusammenhängenden Lehrpläne zur Architekturausbildung durchlaufen ab den 1850er Jahren eine dynamische Entwicklung, in der erstaunlicher Weise über lange Zeiträume vieles gleich bleibt, allerdings auch immer wieder neue Fächer ausprobiert werden, um auf die Anforderung der jeweiligen Zeit zu reagieren. Dieser niemals abgeschlossene Prozess der Weiterentwicklung zeichnet die Architektenausbildung sicherlich nicht nur an der TH/TU Darmstadt aus.
Studienplan des Fachbereich 15 an der TH Darmstadt 1975/76 (Personal- und Studienplanverzeichnis der TH Darmstadt 1975/1976).
Studienplan des Fachbereich 15 an der TH Darmstadt 1975/76 (Personal- und Studienplanverzeichnis der TH Darmstadt 1975/1976).
Jan Luca Müller, mit Ergänzungen von Christiane Salge