Stadtbibliothek Herrngarten

14.10.2020

Stadtbibliothek Herrngarten

Ergebnisse des Semesterentwurfs am Fachgebiet Entwerfen und Baukonstruktion, Prof. Felix Waechter

Mit dem Nebeneinander klassischer und digitaler Medien wandeln sich Bibliotheken von Schatzkammern des Wissens und der Poesie zu multithematischen Weiterbildungsorten die immer mehr frequentiert werden. An der Schnittstelle des Darmstädter Herrngartens und der Innenstadt ist ein identifikationsstiftender Typus für einen lebendigen Kultur- und Stadtbaustein mit unterschiedlichen ineinandergreifenden, miteinander vernetzten und verzahnten Nutzungen zu entwickeln, der dem Bedürfnis der Besucher nach Konzentration und Kontemplation wie auch Kommunikation gleichermaßen entspricht und dessen vielfältiges Inneres zum Lesen animieren soll.

Aus der Polarität der Anforderungen sollen tradierte Raumkonzepte hinterfragt und ein eigenständiger architektonischer Ausdruck entwickelt werden, der die Qualitäten des Bestands weiterentwickelt und der Bedeutung im Stadtraum entspricht. So wie die Gegenwart die Einwurzelung in die Geschichte benötigt, so braucht die Geschichte die Fortführung in der Gegenwart; in dem Sinne soll die Frage der Sprache, von Zusammenhang und Zusammenklang im Bezug zum Bestand wie auch zur Nachbarschaft untersucht werden. Von den elementaren Fragen der Architektur zu Raum, Struktur, Material ausgehend ist ein sinnhaftes Ganzes und sorgfältig Maßstab, Ausdruck, Gestalt und Atmosphäre zu entwickeln.

Entwurf von Katja Heilingbrunner

Die Bibliothek im klassischen Sinne beschreibt lediglich eine Sammlung. Seit dem 18. Jahrhundert entwickelten sich im Zuge der Aufklärung öffentliche Bibliotheken, deren Bedeutung in der Gesellschaft sich in einer monumentalen Architektur widerspiegelte.

Das Entwurfsgebiet grenzt an das Hessische Landesmuseum in Darmstadt, welches ebenfalls diese Monumentalität besitzt und mit dem klassizistischen Archiv einen Eingang zum Herrengarten rahmt, der sich Richtung Norden erstreckt.
Der Entwurf kontrastiert die historische Architektur des Museums und bildet eine leichte, freie und sich in den Park auflösende Struktur. Die Bibliothek grenzt sich so von der Historischen ab und geht auf die an sie gestellten Anforderungen ein. Diese soll mehr sein als nur eine Sammlung, sondern auch Ort des öffentlichen Lebens. Daher versucht die Architektur den Herrengarten als Ort der sozialen Interaktion in Darmstadt aufzunehmen. Die Dachlandschaft aus 23 Dächern ahmt die des englischen Landschaftsparks nach und bildet einen Übergang zwischen dem massiven Museum und dem freien Park.
Durch Krümmung der filigranen Dächer entsteht ein Lichtspiel im Inneren und die Versätze der Dächer ergeben Lichtgarden, die einen hellen Innenraum schaffen.

Unter den Dächern erstreckt sich das Angebot der Bücherei über einen offenen Grundriss. Dieser wird in Zonen durch Stützen gegliedert, welche die Dachflächen nachziehen.
Im Herzen des Gebäudes befindet sich der zentrale Innenhof, der das Lesen im Freien ermöglicht und so ein Stück des Herrengartens im Gebäude darstellt.
Eine spannungsvolle Fuge zum Hessischen Landesmuseum bildet einen zurückgezogenen Raum und macht die Nordfassade durch die Bibliothek erlebbar.

Östlich des Innenhofs befindet sich ein Kreativ Workspace, bestehend aus einer Schreib- und Buchbindewerkstatt, sowie einem freien Creative Space, der Raum und Ressourcen bietet für kreative Auslebung.

Entwurf von Sebastian Schäfer

Der südliche Anfang des Herrngartens ist geprägt von den prunkvollen historischen Fassaden des Hessischen Landesmuseums und des Stadtarchivs. Dieser Entwurf setzt sich zum einen wegen der charakteristischen Rückfassaden dieser Gebäude und deren miteingehender Repräsentationscharackter, als auch wegen der ungelösten städtebaulichen Situation an die Schnittstelle zwischen urbanem Stadtraum und freiem Park. Aus dieser charakteristischen Dualität westlicher Städte entspringt der Entwurfsgedanke des „Öffnens & Auflösens“. Dabei folgt sowohl die interne Logik, als auch der Phänotyp des Entwurfs den Beobachtungen dieses dualistischen Kontrasts. Während das Gebäude in Richtung Straße anonym und abgeschottet wirkt und einer klaren rationalen Rasterung folgt, öffnet sich die Architektur im freien Park und greift die Wegeführung der englischen Landschaftsgartengestaltung des Herrngartens auf. Schlussendlich endet das Gebäude durch dünne Pilotis innerhalb des Herrngartens und nimmt sich im Vergleich zur Vegetation zurück. Dennoch nimmt sie die dominanten vertikalen Kompositionsachsen der Bäume auf, um ein stimmiges Gesamtbild zu erzeugen.
Sowohl die Räume innerhalb des Gebäudes, als auch die Konstruktion, folgen der Konzeptlogik des Öffnens und Auflösens. So befinden sich Verwaltung, Technik und Lager an der Straßenfassade, der Freihandbereich der Bibliothek bildet das Herz des Gebäudes und die Aufenthaltsbereiche sind an der Parkfassade angegliedert.
Das gesamte Gebäude durchläuft ein parametrisches Raster, das je weiter es sich in Richtung Park entwickelt, zunehmend seine rationale Logik und Symmetrie verliert – bis es schlussendlich in die freien Wände übergeht.
Zusätzlich führt sich das Konzept in der grundsätzlichen Materialität der verschiedenen Bereiche fort. Der Verwaltungsriegel besteht aus Beton, danach folgt eine leichte Stahlkonstruktion und zuletzt endet das Gebäude in einer freien Konstruktion aus eloxiertem Aluminium.

Dieser Entwurf stellt nicht nur die Frage, wo Architektur aufhört, er bildet durch das Aufgreifen des Untergrunds und der senkrechten Dachfälze eine polaritäre Gleichheit mit dem Kargel-Anbau des Hessischen Landesmuseums. Während der Entwurf der neuen Stadtbibliothek die Heranführung vom freiem Park zu geradliniger Stadtstruktur ist, bildet der Kargel-Anbau die Heranführung von geradliniger Stadt zu freier Parkgestaltung. Durch diese konträre Symbiose gewinnt auch der Kargelbau an Legitimation und wirkt nicht mehr wie ein Fremdkörper.

zur Liste