Hrsg. vom Fachgebiet Entwerfen und Raumgestaltung (Prof.‘in Johanna Meyer-Grohbrügge)
Nach jahrelanger Diskussion um die Zukunft der Städtischen Bühnen in Frankfurt hat sich der Magistrat der Stadt Frankfurt Ende 2024 endgültig entschieden, den derzeitigen gemeinsamen Standort von Theater und Oper am Willy-Brandt-Platz aufzugeben. Da an dieser Stelle eine neue Kulturmeile entstehen soll, wird eine Interimslösung – ein temporärer Spielort für die Städtischen Bühnen – unausweichlich. Im Rahmen dieser Masterthesis wurde ausgelotet, inwiefern ein von der Stadt zu diesem Zweck erworbenes, ehemaliges Bankarchivgebäude im Frankfurter Gutleutviertel in ein temporäres Schauspielhaus transformiert werden kann. Die Entwurfsaufgabe erforderte die Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Programm des Schauspielhauses im Kontext des temporären Bauens. Durch die zeitlich begrenzte Nutzungsdauer des neuen Hauses wurden Fragen nach experimentellen Formen des Theaters, nach rückbaubaren (reversiblen) Konstruktionen und nach einer anpassungsfähigen Weiterentwicklung des bestehenden Gebäudes aufgeworfen.
LIVE ON SHELF – Fliegende Bühnen Frankfurt
Den Städtischen Bühnen Frankfurt steht in den kommenden Jahren der Umzug in einen Neubau bevor. Für die Bauzeit wird ein temporärer Spielort benötigt. Der Entwurf transformiert das ehemalige Bankarchiv im Frankfurter Gutleutviertel zu einem wandelbaren Interimstheater und langfristigen Kulturort.
Aus der Auseinandersetzung mit Bestand und Nutzung entwickelt sich die Idee einer vertikal organisierten, beweglichen Bühne. Das Archiv wird als räumliches und konstruktives Prinzip weitergedacht: Bühne, Tribüne und funktionale Bereiche werden nicht horizontal, sondern vertikal gestapelt. Grundlage bildet das bestehende Regal- und Erschließungssystem, das die Hallen mit dem Kopfbau verbindet und für die Theaternutzung erweitert wird.
Zwei verschiebbare Bühnenregale in den Hallen dienen als Haupt- und Nebenbühne. Sie können flexibel als Spielfläche oder Tribüne genutzt und frei im Raum positioniert werden. Gemeinsam mit dem Bestandsregal entstehen vielfältige Raum- und Blickbeziehungen sowie eine besonders tiefe Bühne, über die das Publikum den Saal betritt. Die Regale verfügen über zwei Spielebenen sowie darüberliegende Backstage- und Technikbereiche. Im Außenraum ergänzt eine Außenbühne den markanten Eingangsbereich und macht das Theater im Stadtraum sichtbar.
Die Konstruktion orientiert sich an den Schienen- und Kranstrukturen des industriellen Kontexts. Ein Stahltragwerk mit stützenfreien Spannweiten und ein Schienensystem im Boden ermöglichen die flexible Positionierung der Bühnen. Herausnehmbare Bodenelemente erlauben, ähnlich einem Bühnenturm, den Wechsel von Bühnenbildern. Stahl und Wellblech greifen den industriellen Charakter des Ortes auf und rücken die Aufführung in den Mittelpunkt.
Der Entwurf verfolgt einen minimalinvasiven Umgang mit dem Bestand. Prägende Elemente bleiben erhalten, neue Nutzungen werden vor allem durch flexible Einbauten und bewegliches Mobiliar ermöglicht. So wird das Archiv nicht nur umgenutzt, sondern als Konzept transformiert: Aus einem Ort der Aufbewahrung entsteht ein flexibler Ort der Aufführung.
Durchzogen wird das Quartier von einem Seegras-Wasserlauf, der von der Hafenpromenade zum Kanal führt und als durchgängiges Element alle Stationen mit öffentlicher Nutzung verbindet. Das sonst unsichtbare Seegras wird so sichtbar gemacht und seine Relevanz verdeutlicht. Der Wasserlauf bildet mit seinen beidseitigen Fußwegen und mehreren kleinen Brücken die öffentliche Achse durch das Quartier.
Für das Forschungsquartier werden die eindrucksvollen Backsteingebäude „Silo 4“ und „Silo 5“ und weitere Bestandsgebäude erhalten, umgenutzt und durch verschiedene Neubauten zu einem neuen städtebaulichen Ensemble ergänzt. Durchzogen wird das Quartier von einem Seegras-Wasserlauf, der von der Hafenpromenade zum Kanal führt und als durchlaufendes Element alle Stationen mit öffentlicher Nutzung verbindet. Das sonst unsichtbare Seegras wird sichtbar gemacht und zeigt so seine Relevanz auf. Der Wasserlauf bildet mit seinen beidseitigen Fußwegen und mehreren kleinen Brücken die öffentliche Achse durchs Quartier.
Spielraum Gutleut
Die temporäre Verlagerung des Schauspiel Frankfurts in das ehemalige Archivgebäude der Dresdner Bank an der Gutleutstraße bietet die Möglichkeit, den Bestand und das umliegende Grundstück in einen kulturellen Ort zu transformieren, der Theaterbetrieb, Stadtraum und öffentliche Begegnung miteinander verbindet. Die entwickelte Struktur soll über die Interimsnutzung hinaus Bestand haben und nach dem Auszug des Schauspiels eine neue gemeinschaftliche Nutzung – etwa als Nachbarschafts- und Kulturzentrum für das Gutleutviertel – aufnehmen können. Ausgangspunkt des Entwurfs ist die Idee der Verbindung. Bereits die Aufgabenstellung versteht das temporäre Schauspielhaus nicht nur als Ersatzspielstätte, sondern als Impuls für die Entwicklung des Gutleutviertels. Das Interim soll einen bislang gewerblich geprägten Ort kulturell aktivieren und einen Begegnungsort für Stadt, Quartier und Theater schaffen.
Diese Idee wird auf unterschiedlichen Maßstabsebenen weitergeführt. Auf städtebaulicher Ebene öffnet das Projekt das Areal zum Gutleutviertel. Aufgrund des um 1,20 m erhöhten Bestandsniveaus wird die zentrale Achse des Gebäudes bis zur Gutleutstraße verlängert. Eine ansteigende Grünfläche mit integrierten Rampen und einer Außenspielstätte vermittelt zwischen Straßenraum und Theaterterrasse und bindet das Theater selbstverständlich in den Stadtraum ein. Auf räumlicher Ebene bildet die bestehende Gebäudestruktur den Ausgangspunkt des Entwurfs.
Die Hallen und der Mittelteil des Frontgebäudes werden von den beiden Seitenflügeln gefasst und erzeugen eine klare Mittelachse, die zum ordnenden Prinzip wird. Entlang dieser Achse liegen die öffentlichen Bereiche, während die Seitenflügel die dienenden Nutzungen des Theaterbetriebs – Verwaltung, Technik und Künstlerbereiche – aufnehmen. Der zusätzlich benötigte Raum wird an den Enden der Seitenflügel ergänzt und führt deren Achse konsequent fort. Auf sozialer Ebene entstehen Orte der Begegnung zwischen Besuchern, Anwohnern, Kulturschaffenden und zukünftigen Nutzern. Das Gebäude versteht sich nicht als abgeschlossener Theaterbau, sondern als offener Kulturort mit einer langfristig gemeinschaftlich nutzbaren Struktur.
Das zentrale architektonische Mittel ist die Erschließung. Treppen, Portale, Verbindungsgänge und Aufenthaltsbereiche verknüpfen Bestand und Ergänzungen zu einem räumlichen Gefüge, das sowohl den Theaterbetrieb als auch zukünftige Nutzungen ermöglicht. Dabei wird zwischen öffentlicher und interner Erschließung unterschieden: Während die interne Erschließung die funktionalen Abläufe organisiert, führt die öffentliche Erschließung als räumliche Achse vom Quartier bis in die Theatersäle. Der Bestand bietet hierfür bereits eine tragfähige Grundstruktur. Um großzügige Aufenthaltsräume und klare Wegebeziehungen zu schaffen, werden gezielt Teile des Gebäudes zurückgebaut. Im Erdgeschoss des Mittelbaus entsteht durch den Rückbau der Decke bis zum Aufzugskern ein zweigeschossiges Foyer als zentraler Verteiler zwischen Stadtraum und Theater. Über trichterförmige Portale wird es direkt von der vorgelagerten Terrasse erschlossen und verbindet Außen- und Innenraum.
Eine großzügige Foyertreppe erschließt die Tribüne des großen Saals, den Rang des zweiten Saals sowie die Bar auf der Galerie. Auf Erdgeschossebene werden der zweite Saal und die Black Box erreicht. Die öffentliche Erschließung folgt dabei konsequent der zentralen Gebäudeachse und setzt die räumliche Verbindung vom Quartier bis in die Theaterräume fort.
Die öffentlichen Erschließungselemente sind nicht nur Verkehrsflächen, sondern Orte der Begegnung und Orientierung. Ihre einheitliche rote Farbigkeit bildet ein intuitives Leitsystem. Großformatige Pivot-Türen zu den Theatersälen lösen im geöffneten Zustand die Grenze zwischen Foyer und Saal auf und schaffen räumliche Durchlässigkeit. Das Foyer wird so zum Bindeglied zwischen Stadt und Theater und verdichtet die Idee der Verbindung zu einem durchgängigen räumlichen Prinzip des gesamten Entwurfs.
Bühnenwerk
Mit der temporären Verlagerung der Städtischen Bühnen Frankfurt in das Gutleutviertel entsteht die Möglichkeit, das ehemalige Archivgebäude der Dresdner Bank als Interimstheater neu zu besetzen. Der Entwurf begreift das Gebäude dabei nicht als abgeschlossenen Bestand, sondern als Teil eines fortlaufenden Transformationsprozesses und schafft einen Rahmen, der auf wechselnde Anforderungen reagieren kann.
Die Gebäudehülle mit ihrem gemauerten Kopfbau und den dahinterliegenden Hallen bleibt weitgehend unangetastet. Der wesentliche Eingriff konzentriert sich auf die beiden Bestandshallen: Durch ein außenliegendes Fachwerktragwerk werden die bestehenden Stützen abgefangen und ein zusammenhängender, stützenfreier Raum auch für zukünftige Nutzungen geschaffen.
In diesen Hallenraum wird ein eigenständiges Bühnenwerk eingestellt. Als räumliche Infrastruktur für unterschiedliche Formen der Inszenierung entwickelt es sich um eine zentrale Drehbühne. Drei Ebenen ordnen sich um einen vertikalen Luftraum an, dessen kreisförmige Öffnungen sich nach oben zunehmend aufweiten. Es entsteht ein gemeinsamer Bühnenraum mit vielschichtigen Blickbeziehungen zwischen allen Ebenen.
Unterschiedliche Bühnenszenarien entstehen durch die Bespielung der Struktur. Aufführungen können im Inneren stattfinden, sich nach außen orientieren oder beide Bereiche gleichzeitig in sich geteilt bespielen. Somit wird keine feste Form des Theaters vordefiniert, sondern ein räumlicher Rahmen für neue Theaterkonzepte bereitgestellt.
Während das außenliegende Fachwerktragwerk dauerhaft den Hallenraum verändert, wird der eingestellte Theaterkörper als reversibles System aus modularen Stahlprofilen entwickelt.
Der Bestand bleibt als Fragment lesbar und wird nicht abgeschlossen, sondern weitergebaut. So verbindet der Entwurf einen dauerhaft wirksamen Eingriff mit einer reversiblen Struktur, die auf wechselnde Anforderungen reagieren kann.
UNTER DACH UND FACH
Theater ist weit mehr als ein Ort der Aufführung. Hinter der Bühne verbirgt sich ein komplexer technischer Betrieb, dessen Infrastruktur den gesamten Bau organisiert und bestimmt. Mit dem Einzug des Schauspiel-Interims in eine bestehende Industriehalle entsteht daher nicht die Aufgabe, ein klassisches Theater in den Bestand einzusetzen, sondern die spezifischen Qualitäten der Halle als Ausgangspunkt einer neuen Theaterarchitektur zu verstehen. Der industrielle Charakter des Gebäudes bleibt erhalten. Die Theatertechnik wird selbst zum sichtbaren Bestandteil der räumlichen Inszenierung und prägt die Identität des Ortes.
Da der Bestandsbau Höhensprünge aufweist, ist keine durchgängige Nutzungsebene möglich. Anstatt diese Gegebenheit aufwendig auszugleichen, entwickelt der Entwurf ein verbindendes Element oberhalb des Raumes. Die Idee einer „Bühnendecke“ interpretiert den klassischen Bühnenturm neu und verlagert dessen Funktion in eine horizontale Ebene. Diese Decke wird zum zentralen konstruktiven und technischen Bauteil des Gebäudes.
Ein vorhandener Unterzug wird zu einem Fachwerkträger verstärkt und bildet das Rückgrat des gesamten Theaterbetriebs. Von ihm werden sämtliche technischen und betrieblichen Komponenten abgehängt. Der Theaterbetrieb wird damit im wahrsten Sinne des Wortes „unter Dach und Fach“ gebracht.
Durch die vollständig in der Bühnendecke organisierte und bewegliche Theatertechnik kann der gesamte Betrieb hochgezogen werden. Der Innenraum wird dadurch von seiner primären Nutzung gelöst und steht für unterschiedlichste Veranstaltungen zur Verfügung. Aus der konstruktiven Idee entsteht somit auch eine städtebauliche Perspektive: Der Standort soll sich künftig zu einem zentralen Quartiersplatz des Gutleutviertels entwickeln. Die ehemalige Industriehalle wird zu einem offenen Stadtbaustein, der die Grenzen zwischen Kulturinstitution und öffentlichem Raum neu definiert.
„Unter Dach und Fach“ beschreibt damit nicht nur ein konstruktives Prinzip, sondern eine architektonische Haltung. Das Dach wird zur tragenden Infrastruktur eines wandelbaren Hauses, das Theatertechnik, Konstruktion und Öffentlichkeit miteinander verbindet. Der Bestand wird nicht als Einschränkung, sondern als Potenzial verstanden und gerade wegen seiner Besonderheiten weitergedacht.
Der Entwurf nähert sich dem Theater zunächst über eine Analyse der räumlichen Erschließung und der unterschiedlichen Schwellen beim Betreten von drei Theaterbauten: dem Berliner Ensemble, dem Staatstheater Darmstadt und dem Theater Bonn. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Architektur und Wegeführung den Zugang prägen und welche Erwartungen oder Barrieren dadurch entstehen.
Während das Berliner Ensemble und das Staatstheater Darmstadt den Theaterbesuch bereits im Außenraum beginnen, verfolgt das Theater Bonn einen niedrigschwelligeren Ansatz. Das Berliner Ensemble inszeniert den Zugang über den Bertolt-Brecht-Platz und repräsentative Innenräume. Großzügige Raumfolgen, die frühe Ticketkontrolle und die Sichtbarkeit der Besucher erzeugen eine formelle soziale Schwelle. Auch das Staatstheater Darmstadt wirkt durch seine offene Gestaltung zugänglicher, erzeugt jedoch durch fließende Raumfolgen und gegenseitige Sichtbarkeit eine ähnliche soziale Schwelle. Das Theater Bonn hingegen führt direkt aus der Fußgängerzone über einen kleinen Eingangsbereich und eine verwinkelte Erschließung zum Zuschauerraum. Die geringere Repräsentativität reduziert den sozialen Druck und schafft einen unmittelbareren Zugang.
Der Entwurf versteht das Theater als offenen Raum zwischen öffentlichem und kulturellem Leben. Da soziale Schwellen den Zugang ebenso beeinflussen wie bauliche, wird auf eine fließende Raumsequenz ohne klare Hierarchien gesetzt. Der Vorplatz wird als öffentlicher Treffpunkt verstanden und ist unabhängig vom Theaterbesuch nutzbar. Außenraum und Veranstaltungsflächen verschmelzen zu einem gemeinschaftlichen Raum, der erst kurz vor dem Zuschauerraum eine Zugangskontrolle erhält.
Das Kerngebäude bündelt die Funktionen des Theaterbetriebs. Im Erdgeschoss ermöglichen eine Kulissenstraße und ein Kran die effiziente Erschließung und Bespielung der Bühnen.
Ziel ist ein niederschwelliger Ort kultureller Teilhabe, der nicht nur Aufführungsort, sondern selbstverständlicher Bestandteil des städtischen Alltags ist.
Für die Städtischen Bühnen Frankfurt sollte ein Interimsspielort in einem ehemaligen Bankarchiv im Gutleutviertel geplant werden, der das Schauspielhaus in der Frankfurter Innenstadt temporär ersetzt.
Die Vision des Entwurfs liegt darin, das Theater mit dem Interim in den Stadtraum zu bringen und damit über die Spielzeiten hinaus einen öffentlichen Mehrwert zu bieten. Der zentrale Ort ist dabei der Hallenbau im Norden, in dem sich die Säle des Theaters befinden. Die erste Intervention ist die komplette Entfernung der baufälligen West- und Ostfassaden, um eine direkte Verbindung zur Stadt zu schaffen.
Um ihn als Theater nutzbar zu machen, werden dem Saal temporäre Elemente hinzugefügt: Rolltore ermöglichen eine variable Schließung des Raumes, thermische Vorhänge sorgen unter anderem für Verdunkelung. Teleskoptribünen sorgen für eine flexible Bestuhlung.
Die Bühne im südlichen Teil des Saals bildet mit dem dahinterliegenden Backstagebereich einen funktionalen Kern, der das Bühnengeschehen über die Stockwerke hinweg organisiert. In Richtung des Foyers im vorderen Gebäudeteil beinhaltet dieser Kern alle relevanten Funktionen für Besucher:innen des Theaters. Findet eine Vorstellung statt, kauft man hier Tickets, gibt Jacken in der Garderobe ab und geht in den Saal, wo in diesem Fall Rolltore und Vorhänge geschlossen sind und die Erschließung ausschließlich über die beiden Rampen zum Foyer hin erfolgt. Findet gerade keine Vorstellung statt, sind die Tore geöffnet, die Teleskoptribünen eingefahren und die Stühle unter der Bühne verstaut. Der funktionale Kern verschließt sich. Die Halle steht nun den Anwohner:innen zur Verfügung, um sich zu treffen, für Märkte, Sport, Kinoabende oder auch Open-Air-Theatervorstellungen.
Gemeinsam mit dem Foyer, in dem Bar und Kantine auch für Besucher:innen ohne Ticket ein Nutzungsangebot schaffen, soll so ein multifunktionaler Raum entstehen, der einen Anknüpfungspunkt für das Viertel und seine Bewohner:innen bietet.
PERPETUUM MOBILE“ – Sich ständig Bewegendes
Ein Begriff, der eine hypothetische Maschine bezeichnet, die ohne externe Energiezufuhr unendlich in Bewegung bleibt.
Theater wird oft als eine Art soziales Perpetuum mobile betrachtet, ein kontinuierlicher Prozess, der fortwährend neue Ideen und künstlerische Ausdrucksformen hervorbringt und zugleich gesellschaftliche Fragen aufwirft, reflektiert und neu verhandelt. Das Theater existiert und entfaltet seine Bedeutung, über Jahrhunderte hinweg, nur durch seine Akteur:innen und sein Publikum.
Die Idee permanenter Bewegung prägt sowohl die räumliche als auch die atmosphärische Gestaltung und Inszenierung des Gebäudes. Das Theater wird als ganzheitliches Erlebnis gedacht, nicht allein durch das Schauspiel, sondern ebenso durch die Architektur selbst.
Als Interimsgebäude liegt der Fokus auf minimaler Intervention in die bestehende Struktur, auf modularen Konstruktionsprinzipien sowie auf der Rezyklierbarkeit der Materialien. Die adaptive, flexible Raumorganisation basiert auf Öffnung statt Abgrenzung.
Als zentrales Element treten Bühne und Auditorium hervor. Sie bilden ein räumliches Kontinuum: Die trennende Wand entfällt, sodass ein großzügiger Raum entsteht. Ein flacher, nicht hierarchischer Boden löst sich vom klassischen Theatermodell. Statt fester Zuordnung entstehen flexible Beziehungen zwischen Darstellenden und Publikum. Bühne und Auditorium sind nicht als eindeutig definierte, statische Einheiten konzipiert, sondern als System vertikal beweglicher Plattformen, die sich je nach Szenario, szenografischer Anforderung oder Theaterform konfigurieren lassen. Der Stützenraster bleibt als Grundstruktur erhalten. Ein zusätzliches Stahltragwerk verstärkt die Lagerhalle und ermöglicht die vertikale Bewegung der Plattformen.
Das Gebäude versteht sich als Maschine, die Bewegung erzeugt und die Menschen in diesen Prozess einbindet, um kontinuierlich neue räumliche und sinnliche Erfahrungen zu ermöglichen.
Ausgezeichnet mit dem Fritz-Filter-Award.
Bühnenlandschaft
Das zentrale Entwurfselement ist eine durch das bestehende Archivgebäude fließende Landschaft. Sie legt sich als eigenständige Konstruktion in den Bestand und teilt diesen in zwei räumliche Ebenen: einen offenen Landschaftsraum für Besucher*innen sowie die darunterliegende Backstagewelt der Theaterleute. Aus dieser einfachen Setzung entstehen zwei grundlegend unterschiedliche Atmosphären. Unter der Landschaft entwickelt sich eine kleinteilige und wuselige Welt mit Maske, Umkleiden und Kostümbereitstellung. Darüber entsteht eine zusammenhängende, stützenfreie Landschaft, die den Bühnenraum formt.
Die Landschaft fließt vom Stadtraum in den Innenraum. Das Foyer soll unabhängig von der Theaternutzung zu einem dritten Ort des Viertels werden. Eine großzügige Treppenlandschaft lädt zum Verweilen ein und verbindet den Platz mit dem Foyer im Obergeschoss. Durch die vollständig zu öffnende Fassade kann das Foyer im Sommer zur Außenbühne werden und Raum für Kleinkunst, Veranstaltungen und informelle kulturelle Nutzungen bieten.
Der Interimscharakter bietet die Möglichkeit, neue Bühnen- und Inszenierungsformen zu erproben. Anstelle einer klassischen Frontalbühne entsteht in den beiden Sälen ein offener Aufführungsraum, in dem die räumliche Trennung zwischen Publikum und Darstellenden aufgehoben wird. Das Theater wird dadurch zu einem gemeinsamen Erfahrungsraum. Diese neue Bühnenform verändert auch die Möglichkeiten des Bühnenbilds: Es gibt keine eindeutige Schau- und Rückseite mehr. Stattdessen entstehen Möglichkeiten für raumgreifende Installationen und flexibel bespielbare Szenografien.
Die tragende Struktur des Bestands bleibt vollständig erhalten, wodurch Eingriffe, Baukosten und Ressourcenverbrauch minimiert werden. Die vorhandenen Graffiti bleiben als sichtbarer Bestandteil des Gebäudes erhalten. Die Bühnenlandschaft formt neue Räume in der bestehenden Struktur, ermöglicht neue Formen des Theaters und erhält gleichzeitig den industriellen Charakter als Teil der Identität des Gutleutviertels.
Ausgezeichnet mit dem Fachbereichspreis für die beste Masterthesis.
Through The Stages
Das klassische Theater basiert auf einer klaren Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum. Mit dem in den 1960er-Jahren in New York entwickelten Environmental Theatre wird diese Ordnung hinterfragt: Die Bühne ist kein festgelegter Ort mehr, sondern entsteht durch die Aufführung selbst. Spielende und Publikum teilen denselben Raum, jede Fläche und jeder Zwischenraum kann Teil der Inszenierung werden.
Diese Idee bildet die Grundlage des Entwurfs. Theater wird nicht als abgeschlossener Aufführungsort verstanden, sondern als offenes System, das sich über das gesamte Gebäude und bis in den Stadtraum hinein ausdehnt. Der Theaterbesuch beginnt bereits beim Betreten des Hauses, die Schwelle zwischen Stadt und Theater wird bewusst aufgelöst.
Im Gebäude existieren keine eindeutig definierten Bühnen. Jede öffentliche Fläche kann bespielt werden, feste Bestuhlung wird zugunsten räumlicher Flexibilität vermieden. Besucherinnen und Besucher bewegen sich frei durch das Gebäude und entscheiden selbst, welchen Szenen, Proben oder Aufführungen sie folgen.
Die räumliche Organisation basiert auf einem System von Kuben, die Funktionen wie Maske, Schneiderei, Lager oder Technik aufnehmen. Sie strukturieren das Gebäude in öffentliche, halböffentliche und private Bereiche und verweben Besucher- und Theaterschaffendenbereiche miteinander. Prozesse, die im traditionellen Theater meist verborgen bleiben, werden sichtbar und erlebbar.
Zwischen den Kuben entsteht das eigentliche Theater. Die Zwischenräume werden zu Bühnen-, Begegnungs- und Bewegungsräumen, die Dachflächen erweitern die Spielflächen in die Vertikale. So steht nicht die Bühne im Zentrum des Gebäudes, sondern die Funktionen, zwischen denen sich das Theater entfaltet. Als reversible Intervention greift das Konzept nur minimal in den Bestand ein und ermöglicht eine vielfältige Nutzung über den Theaterbetrieb hinaus.
Das Konzept versteht das Grundstück an der Gutleutstraße nicht als neutrales Baufeld, sondern als Bühne auf Zeit. Für begrenzte Dauer zieht das Schauspiel in den Archivbau ein; danach kann mit der Transformation des Gutleutviertels ein „Stück“ folgen. Der Interimsspielort fragt, wie der Bestand gefasst, besetzt und inszeniert werden kann.
Ausgangspunkt ist der H-förmige Bestand. Mittelspange und Verlängerung zur Straße bilden die Hauptbühne: Hier konzentrieren sich Ankommen, Warten, Begegnen, Orientieren und der Übergang zur Aufführung. Die Seitenflügel fungieren als Nebenbühnen für Erschließung, Vorbereitung, Technik und interne Abläufe.
In diese Struktur wird ein neues Bühnenbild eingeschrieben. Es ist keine Dekoration, sondern gliedert und aktiviert den Bestand, erzeugt Raumtiefe, ordnet Blicke, führt Bewegungen und staffelt den Weg vom Stadtraum über Vorplatz, Schwelle und Foyer bis zum Saal als räumliche Dramaturgie.
Die Einbauten bleiben als temporäre, reversible Ergänzungen klar vom Bestand unterscheidbar. Einfache Rahmenstrukturen lassen sich mit Stoffen, transluzenten Paneelen, Gazen oder filternden Materialien bespannen. So entstehen wandelbare Schichten zwischen Zeigen und Verbergen, Öffnen und Fassen.
Zentral ist die Unterscheidung von Vorder- und Rückseiten: Vorderseiten erzeugen Szenenbilder, rahmen Blicke und definieren Aufenthaltsbereiche; Rückseiten zeigen Konstruktion und Fügung und nehmen dienende Wege sowie technische und organisatorische Funktionen auf. Der Theaterbesuch wird Teil der Inszenierung: Besucher:innen durchschreiten Bühne und Bühnenbild, sehen und werden gesehen und werden für einen Moment Teil des Stücks. Erst im Saal wechseln sie zurück in die Rolle des Publikums, nehmen vor dem Vorhang Platz, und die eigentliche Aufführung beginnt.