Körper + Bewegung – Ein städtebauliches Konzept für die Prager Insel Štvanice
Masterthesis Sommersemester 2026

Körper + Bewegung – Ein städtebauliches Konzept für die Prager Insel Štvanice

Hrsg. vom Fachgebiet Entwerfen und Stadtentwicklung (Prof.’in Dr. Annette Rudolph-Cleff)

Die Masterthesis befasst sich mit der Frage, wie Stadträume als inklusive, generationenübergreifende Bewegungs- und Kulturräume weitergedacht werden können. Unter dem Titel „Körper + Bewegung“ lag die städtebauliche Entwurfsaufgabe in der Entwicklung eines integrierten architektonisch-landschaftlichen Konzepts für die Prager Insel Štvanice und ihre gegenüberliegenden Uferkanten. Ziel war es, den besonderen Charakter der Insel als niedrigschwelligen, barrierearmen und sozial durchmischten Freiraum zu stärken und dabei bestehende Initiativen wie das River Surfing Project, den Mystic Skatepark oder den traditionsreichen Tennisklub nicht zu verdrängen, sondern als identitätsstiftende Elemente weiterzuentwickeln.

Die Thesis geht dabei von der Überlegung aus, dass Architektur und Landschaft als zusammenhängendes System gedacht werden müssen: Sportanlagen und Freiräume sollen nicht isoliert nebeneinanderstehen, sondern als räumlich verzahnte Struktur auftreten, die Biodiversität fördert und klimaresilient ist. Im Sinne des Leitmotivs „For those who stay“ entwerfen die Studierenden die Insel als langfristig tragfähigen, sozialen und ökologisch verantwortungsvollen Stadtraum – ein Ort, an dem Vergänglichkeit und Transformation Teil der städtischen Struktur werden, ohne der Kommodifizierung zu verfallen.

For those who play

Prag ist eine Stadt, die jedes Jahr Millionen von Besucher:innen anzieht. Gleichzeitig fehlt es im Alltag an Orten, die wirklich den Menschen vor Ort gehören; an Orten zum Durchatmen, Bewegen und Zusammensein. Genau hier setzt „For those who play“ an.

Štvanice wird zu einem grünen Rückzugsort mitten in der Stadt. Dabei wird Spiel weiter gedacht: Es geht nicht nur um Sport oder Kinderspiel, sondern auch ums Entdecken, Beobachten, Lernen, Performen, gemeinsame Zeit und darum, einfach draußen zu sein.

Bestehende Sport- und Kulturangebote werden erhalten, ergänzt und stärker für die Stadt geöffnet. Gleichzeitig entsteht eine vielfältige Landschaft aus Spiel- und Sportflächen, offenen Wiesen, Wildblumen, einem Gemeinschaftsgarten, Obstbäumen und unterschiedlichen Zugängen zum Wasser. Manche Orte haben eine klare Funktion, andere bleiben bewusst offen und lassen Raum für spontane Ideen und eigene Aneignung.

Zwei unterschiedliche Seiten prägen die Insel: eine urbane, aktive Kante mit Sport, Kultur und kleinen Plätzen und eine ruhigere, natürliche Seite, die sich zum Wasser und zur Landschaft öffnet. Dazwischen entstehen Wege, Grünräume und immer wieder neue Möglichkeiten, sich zu bewegen, zu treffen oder einfach zu bleiben.

Ein Ort für Bewegung und Rückzug. Für Begegnung und Natur. Für alle, die in Prag leben.

For those who play and for those who stay.

Die Prager Moldauinsel Štvanice liegt zentral zwischen Holešovice, Karlín und der Altstadt und verfügt über vielfältige Sport-, Freizeit- und Kulturangebote. Dennoch wird sie kaum als zusammenhängender Stadtraum wahrgenommen. Die bestehenden Nutzungen liegen isoliert nebeneinander, die Brücken zerschneiden die Insel und die Moldau bleibt durch harte Uferkanten vielerorts unerreichbar.

Der Entwurf reagiert auf diese Missstände und entwickelt Štvanice zu einer vernetzten Bewegungslandschaft. Ein Bewegungsband bildet das räumliche Rückgrat der Insel, verbindet bestehende und neue Nutzungen, schafft Orientierung und führt durch unterschiedliche Freiräume. Bewegung wird dabei nicht nur als Sport verstanden, sondern als verbindendes Element zwischen Menschen, Landschaft und Stadt.

Bestehende Strukturen werden gezielt geöffnet und weiterentwickelt: Das Tennisstadion wird zur urbanen Arena, die Viaduktbögen werden mit Sport, Kultur und Gastronomie aktiviert und neue Sport- und Gemeinschaftsbauten ergänzen den Campus. Gleichzeitig wird die Beziehung zur Moldau gestärkt. Stege, Terrassen, Badebereiche und naturnahe Ufer machen das Wasser zum Teil des öffentlichen Raums und verknüpfen die Insel mit den angrenzenden Stadtteilen.

Flexibel nutzbare Sport-, Kultur- und Freizeitangebote passen sich den Jahreszeiten an und schaffen ganzjährig neue Anlässe für einen Besuch. Aufgeständerte Gebäude, überflutbare Erdgeschosse sowie Retentions- und Versickerungsflächen ermöglichen einen resilienten Umgang mit Hochwasser und stärken die ökologische Qualität der Insel. So entsteht aus einer Insel, die heute vor allem überquert wird, ein resilienter und lebendiger Stadtraum, der das ganze Jahr über Raum zum Ankommen, Begegnen und Bleiben bietet.

Fuchs³ – Eine Insel für Alle

Die Prager Moldauinsel Štvanice ist Heimat von „Club Fuchs 2“ – einem selbstorganisierten Kulturort, an dem informelle Toleranz gelebt wird. Doch das Areal steht im Spannungsfeld: Während hier überdurchschnittlich viele vulnerable Nutzergruppen wie Wohnungslose, ältere Menschen und Zuwanderer leben, erschweren infrastrukturelle Barrieren die Teilhabe. Zudem droht durch städtebauliche Aufwertung die Verdrängung subkultureller Räume. Die zentrale Frage lautet: Für wen bauen wir – und wer wird im öffentlichen Raum sichtbar?

Hier setzt „Fuchs³“ mit der Vision einer Insel für Alle! und den Leitprinzipien Resilienz, Teilhabe und Aneignung an. Sechs räumliche Strategien übersetzen dies in den Raum: Urbane Diversität, hydrologische Resilienz, Alltagsservices unter Brückenbögen, inklusive Mobilität über einen orangenen Inseltrail sowie Subkultur und Aneignung als kultureller Anker für Experimentierorte. Inklusiver Sport und Bewegung schafft zudem rund um den „Fuchs 3“ einen neuen Ort für Rollsport und einen Sport- und Kulturcampus.

Zwei Akteursbündnisse machen die Vision möglich: Das „Bündnis Fuchs“ bringt kulturelles Kapital ein, das „Bündnis Hase“ städtische Ressourcen. Ihr Dialog startet einen Prozess von ersten Reallaboren bis zur langfristigen Transformation der Insel.

Der Entwurf basiert auf partizipativem Zuhören und dem Erkennen von Bedürfnissen. Die Frage nach einem Vorbild lautete: Wo gelingt es bereits heute, Menschen über Bewegung zu verbinden? Die Antwort liegt in der Skatekultur des Mystic Skate Park. Sie zeigt, wie Inklusion und Respekt bereits gelebt werden. Doch die Kultur ist offen, die gebaute Infrastruktur noch nicht – Rollstuhlfahrer können den Park kaum nutzen.

Genau hier setzt der Entwurf an: Rund um den „Fuchs 3“ entsteht eine Aktivitätslandschaft für WCMX (Wheelchair Motocross). In Werkstätten und auf Experimentierflächen werden neue Elemente mit den Nutzenden entworfen und erprobt. So entsteht kein fertiger Ort, sondern ein lernendes System, das exemplarisch zeigt, wie aus bestehenden Stärken neue Formen der Teilhabe erwachsen.

Ausgezeichnet mit dem Fachbereichspreis für die beste freie Masterthesis.

Ein Körper in Bewegung – oder der ihn fassende Raum?

Als längster Fluss Tschechiens ist die Moldau stetig in Bewegung. Zwei Kilometer flussabwärts der Prager Altstadt trotzt die Flussinsel Štvanice den Wassermassen und bietet im Herzen der Stadt einen grünen Naherholungsort, Kulturtreffpunkt und Sportstandort.

Das Prahadrom ordnet die Insel mit neuen Sportangeboten, Vereinsräumen und Freizeitnutzungen neu und wird den Anforderungen eines zeitgemäßen Gemeinschaftsraums gerecht. Flexible und anpassungsfähige Flächen ermöglichen eine ganzjährige Bespielung: Sportplätze können im Alltag als Tennis- oder Bewegungsflächen dienen und bei Bedarf zu Bühnen, Marktplätzen oder einer Eislaufbahn zusammengeschaltet werden. Trinkwasserstellen, Sanitäranlagen und weitere logistische Infrastrukturen sichern die Versorgung bei Großveranstaltungen.

Das urban zugewandte Südufer bildet als Rückgrat die Haupterschließungs- und Verteilerzone und vermittelt zwischen harter Stadtkante und der weitgehend naturbelassenen Nordseite. Die gefassten Räume dienen im Alltag dem traditionsreichen Tennisverein, dem neuen Sportleistungszentrum mit medizinischer Abteilung sowie öffentlichen Bewegungsangeboten. Im Norden ergänzt ein neues Flussbad das Angebot.

Im Westen entsteht ein lebendiger Kulturcampus. Nachtclubs, Theaterkollektiv und Skateverein werden durch neue Vereinsflächen im Fuchs 3 sowie die ergänzenden Trabanten F3 Camp, Marina und Studios verbunden. Das bestehende Wassersportangebot wird durch ein Bootshaus mit Aufenthaltsflächen und Tribünen erweitert.

Auf Štvanice wird Bewegung nicht nur auf dem Sportplatz ausgetragen: Die Insel selbst wird zum beweglichen Körper, der sich anpasst, verbindet und der vielfältigen Stadtgesellschaft Raum zum Sporttreiben, Leben und Feiern bietet.

Flowing Together

Ein dynamisches System, das sich fortlaufend verändert, über Grenzen hinweg wirkt & sich gemeinsam mit den Beteiligten stetig weiterentwickelt. Mit Flowing Together möchten wir eine mögliche Vision für eine nachhaltige Zukunft für Štvanice aufzeigen.

Štvanice ist eine vielfältige, experimentelle Insel, die jedoch nicht auf die Zukunft vorbereitet ist & derzeit als fragmentiert wahrgenommen wird. Unser Ansatz besteht daher darin, die Insel durch wenige, konsequente Eingriffe zusammenzuführen; wir sehen keine Notwendigkeit, auf große neue Bauwerke zu bestehen. Stattdessen wollen wir vernachlässigte Bereiche wieder nutzbar machen, eine gemeinschaftlich organisierte & verbesserte Ressourcen-Infrastruktur schaffen & zugleich Freiraum für das Zusammenleben von Natur & Mensch geben. Das beschreiben unsere vier Bewegungs- & Bedürfnisprinzipien: Fluid, Circular, Divers & Common.

Flowing Together versteht Štvanice als Reallabor, an dem soziale Aneignung & resiliente Infrastrukturen erprobt werden – als Vision eines fließenden, zusammenhängenden & zukunftsfähigen Stadtraums der stetigen Veränderung und als Ausgangspunkt für positive Entwicklungen in Prag.

Die Masterthesis „Puls & Pause“ entwickelt die Moldauinsel Štvanice als vielfältigen Freiraum, in dem Sport, Begegnung und nachhaltige Energie zusammenwirken.

Dabei werden verschiedene Lautstärke- und Geschwindigkeitszonen ausgebildet. Der Westen steht für lebendige und bewegte Sportangebote, während der Osten ruhigen und naturnahen Freiräumen zur Erholung gewidmet ist. Das Zentrum rund um das Stadion wird als verbindender Treffpunkt und räumlicher Mittelpunkt der Insel gestärkt. Gleichzeitig werden die Ufer als zusammenhängendes System aktiviert, um den Zugang zum Wasser zu verbessern und die Insel stärker mit ihrer Umgebung zu verknüpfen.

Im Zentrum bildet das Stadion die offene Spiel- und Bewegungsarena. Eine Überdachung mit Solarkollektoren ermöglicht Nutzung bei jedem Wetter. Der zentrale Platz umfasst sportmedizinisches Zentrum, Tennisverein und Cafeteria. Tennis- und Paddelanlagen mit flexiblen Überdachungen ermöglichen ganzjährige Nutzung.

Der Platz verbindet beide Ufer und öffnet sich zu einem Uferbalkon mit Bootsanleger. Das Wassersportzentrum stärkt Riversurfing und Ruderparcours.

Östlich entsteht das Sportleistungszentrum mit Dreifeldsporthalle. Auf dem Dach befindet sich ein Gästehaus, der Dachgarten bildet den Übergang zum ruhigen Osten mit Wildblumenwiesen für Erholung und Biodiversität.

Die Insel wird durch eine zentrale, von einer Pergola begleitete Wegeverbindung erschlossen. Sie verbindet die beiden Ankunftspunkte, greift die historische Gebäudekante des ehemaligen Eisstadions auf und integriert kleinere Spiel- und Bewegungsangebote.

Um das Konzept über die Insel hinaus weiterzuführen, vernetzen kleine spielerische Eingriffe entlang wichtiger Wege die Insel mit Grünräumen, sozialen Orten und Verkehrsknotenpunkten und machen Bewegung im Stadtraum erlebbar.