The Brussels Social Hotel
Masterthesis Wintersemester 2025/26

Hrsg. vom Fachgebiet Entwerfen und Wohnen (Prof. Dr. Martino Tattara)

Das Masterarbeitsprojekt Brussels Social Hotel entwickelt ein Modell temporären Wohnens für die benachteiligte Bevölkerung Brüssels, das mit öffentlichen Einrichtungen für das Quartier und die Stadt verknüpft ist. Ausgangspunkt ist die widersprüchliche Wohnsituation der Stadt, die trotz eines überwiegend konservativen Wohnungsmarktes von informellen, oft prekären Formen temporärer Unterbringung geprägt ist.

Das Projekt greift historische Typologien temporären Wohnens – vom Wohnhotel über Arbeiterunterkünfte bis hin zu rehabilitativen Schutzräumen – auf und überträgt sie in einen zeitgenössischen architektonischen Entwurf. Verortet in Anderlecht am Rand des Marais de Biestebroek, einem umkämpften ehemaligen Industriegebiet mit starker zivilgesellschaftlicher Prägung, versteht sich das Social Hotel nicht als Notlösung, sondern als alternative Wohninstitution, die das Zuhause als geteilten, zeitlich begrenzten und wandelbaren Raum neu denkt und ihre soziale Funktion bewusst als sichtbaren Teil der Stadt manifestiert.

Das Projekt untersucht eine Wohnform, die auf kollektivem Leben und dem Zusammenleben mit der Natur basiert. Das Gebäude ist um einen kreisförmigen Innenhof organisiert, entlang dessen sämtliche Wohneinheiten angeordnet sind. In jeder Einheit sind Wohn- und Essbereiche zum Innenhof orientiert, wodurch ein gleichwertiger visueller Bezug zur gemeinschaftlichen Landschaft entsteht und kontinuierliche Blickbeziehungen im Alltag ermöglicht werden, was eine kollektive Atmosphäre fördert.

Ein ringförmiger Erschließungsgang umschließt den Innenhof und ist großzügig dimensioniert. Durch leichte Rücksprünge in der Grundrissfigur entstehen halbkreisförmige auskragende Plattformen vor jedem Eingang. Diese dienen als Übergangszonen zwischen privaten Wohneinheiten und dem Innenhof und ermöglichen alltägliche Begegnungen sowie informelle Nutzungen.

Auf der Südseite öffnet sich der Innenhof zum angrenzenden Feuchtgebiet und erweitert die Landschaft visuell in das Gebäude hinein. Im zweiten Obergeschoss verbindet eine querlaufende Plattform die Treppenkerne, verbessert die Erschließung und schafft zugleich einen gemeinschaftlichen Aufenthaltsraum im Innenhofbereich.

Das Social Hotel umfasst 124 Bewohner:innen, darunter 32 Schlafplätze in Gemeinschaftsunterkünften und 92 Einzelzimmer. Die Schlafräume befinden sich auf der ruhigeren östlichen Seite des Erdgeschosses und sind um einen Meter angehoben, um mehr Privatsphäre zu gewährleisten. Das zweite Obergeschoss besteht überwiegend aus Maisonette-Einheiten für zwei bis fünf Personen mit doppelt hohen Wohnräumen zum Innenhof. Jede Einheit verfügt über einen privaten Balkon und ein eigenes Bad, wodurch gemeinschaftliches Wohnen mit notwendigen Rückzugsräumen ausbalanciert wird. Das oberste Geschoss besteht aus Einzelwohnungen, wobei jeweils zwei Einheiten eine halbkreisförmige Plattform teilen.

Auf städtebaulicher Ebene sind die öffentlichen Nutzungen im Erdgeschoss angeordnet, um die Durchlässigkeit zu erhöhen. Unterrichtsräume orientieren sich zur Hauptstraße, ökonomische Nutzungen befinden sich im Norden, während eine soziale Kantine die südöstliche Ecke besetzt. Der Haupteingang öffnet sich zum Feuchtgebiet, während ein Nebeneingang die Verbindung zwischen Innenhof und Stadt stärkt.

Die Konstruktion basiert auf radial angeordneten, massiven Hohlwänden als primärem Tragwerk, das die Betondecken trägt, während leichte Innenwände eine flexible Raumnutzung ermöglichen.

Das Social Hotel zielt darauf ab, temporäre Wohneinheiten für vulnerable Gruppen unterschiedlicher Herkunft in Brüssel bereitzustellen, die versuchen, in der Stadt und der Gesellschaft im weiteren Sinne neue oder erneute Wurzeln zu schlagen. Der Entwurf reagiert darauf mit zwei grundlegenden Prinzipien: einerseits der weitgehenden Autonomie der Nutzer:innen innerhalb ihrer Wohnräume, andererseits dem Aufbau mehrschichtiger sozialer Netzwerke für jede einzelne Person, unabhängig von der Aufenthaltsdauer.

Das erste Prinzip wird vor allem innerhalb der Wohneinheiten selbst umgesetzt: Eine kompakte, effiziente Wand aus grundlegenden Wohnfunktionen fasst den Raum, sodass ein offener Bereich ohne vorgegebene Möblierung entsteht. Funktionen können verborgen oder in den Raum geöffnet werden; ebenso ermöglicht leichte, mobile Möblierung eine flexible Aneignung des Raums. Dadurch bleibt der Raum wandelbar und kann sich im Verlauf des Aufenthalts an veränderte Lebenssituationen der Gäste anpassen.

Die Idee der sozialen Netzwerke wird durch die Organisation und Struktur des Hotels umgesetzt. Anstelle langer, anonymer Flure sind die Wohneinheiten überwiegend in kollektiven Clustern organisiert, wodurch engere soziale Bindungen und unterstützende Strukturen im Alltag entstehen. Typologisch sind die Cluster in zwei gegenüberliegenden Riegeln angeordnet, zwischen denen sich eine gemeinsame Erschließungszone erstreckt. Die Außentreppen im Innenhof fungieren als Erweiterung der Wohneinheiten und erzeugen ein nachbarschaftliches Gefüge.

Angesichts der temporären Wohnform ist die Integration in das umliegende Quartier sowie in die Stadt Brüssel von zentraler Bedeutung. Die kompakte Setzung des Gebäudes reagiert darauf, indem sie im Norden einen Abstand zum bestehenden Wohngebiet schafft und dadurch einen neuen städtischen Platz in der ansonsten dichten Umgebung ausbildet. Dieser neue Stadtraum setzt das Thema sozialer Unterstützung fort und bietet bestehenden Akteuren der Sozialarbeit eine Plattform, um durch die Bündelung ihrer Aktivitäten eine breite Zielgruppe zu erreichen.

Die Arbeit untersucht, wie Architektur auf unterschiedliche Aufenthaltsdauern und soziale Konstellationen reagieren kann. Im Zentrum stehen Temporarität, Flexibilität und Gemeinschaft – ohne dabei Sicherheit und Privatsphäre zu verlieren.

Als Referenz dient der historische Begijnhof – eine gemeinschaftliche Wohnform des Hochmittelalters, verbreitet in flämischen und niederländischen Städten. Kleine, nahezu identische Häuser gruppierten sich um einen geschützten Innenhof. Dieses Prinzip wird neu interpretiert: als geschlossene äußere Struktur mit zentralem Eingang, der in einen halböffentlichen Innenhof führt – ein sozialer Puffer zwischen privatem Wohnen und urbanem Raum.

Ein zentrales Entwurfselement ist die Transformation der Brandwand. Sie wird zu einer bewohnten Servicewand, die grundlegende Funktionen wie Bett, Küche, Bad, Stauraum und Erschließung integriert. Architektur und Möbel verschmelzen, während der Raum selbst frei und flexibel nutzbar bleibt.

Die Wohnstruktur gliedert sich entsprechend der Aufenthaltsdauer in drei Nutzungsgruppen: kurz-, mittel- und langfristig. Je länger der Aufenthalt, desto größer die Anpassungsfähigkeit der Wandstruktur – von festen Nischen über klappbare Elemente bis hin zu modularen Komponenten, die Wohnungen erweitern oder zusammenlegen können.

Um das Prinzip des historischen Begijnhofs – eines kompakten, gemeinschaftlich orientierten Wohnsystems, erschlossen über den gemeinschaftlichen Innenhof – beizubehalten, werden die Treppen nicht in den privaten Bereich verlagert, sondern sichtbar geführt. Dadurch entstehen visuelle und soziale Beziehungen zwischen den Bewohner:innen, und der gemeinschaftliche Charakter des Hofes wird gestärkt.

Konstruktiv basiert das Projekt auf einem hybriden Holz-Beton-System, das Vorfertigung ermöglicht, Bauzeit und Kosten reduziert und langfristige Anpassbarkeit unterstützt. Das „Social Hotel“ versteht sich als flexibles Wohnsystem für temporäres Leben, das Gemeinschaft ermöglicht und sich zugleich an die sich wandelnden Bedürfnisse seiner Bewohner:innen anpasst.

Das Brussels Social Hotel hinterfragt traditionelle Wohnmodelle und entwirft eine temporäre Unterkunftstypologie, die sowohl Menschen in prekären Lebenssituationen als auch jene unterstützt, die außerhalb des konventionellen Wohnsystems stehen. Die Typologie reagiert auf den Mangel an sozialem Wohnraum in Brüssel und stellt die Bedeutung alternativer Wohnformen infrage, die die aktuelle Wohnungssituation reflektieren.

Durch die Kombination einer einfachen Grundstruktur mit einer anpassbaren inneren Struktur kann das Gebäude selbst zu einer Art Infrastruktur werden, die sich den komplexen Anforderungen des Social Hotels anpasst. Auf traditionelle gemeinschaftliche Flure wird verzichtet, um die Art der gemeinsamen Raumnutzung neu zu definieren, sodass jeder Übergangsraum zu einem Ort der Interaktion wird.

Durch die Ausstattung der Räume mit individuellen, möbelartigen Serviceelementen und Kapselmodulen können die Bedingungen an die Anforderungen der jeweiligen Einheit bzw. Situation angepasst werden. Die Beweglichkeit der Kapseln ermöglicht maximale Flexibilität und fördert Selbstbestimmung, indem das Wohnen als Raum gegenseitiger Fürsorge, Sichtbarkeit und geteilter Identität neu interpretiert wird. Durch die Gleichheit der Ausgangsbedingungen entsteht gleichzeitig die Möglichkeit zur individuellen Anpassung und Aneignung.

Vor dem Hintergrund der Neukonzeption temporärer, nicht-nuklearer Haushalts- und Gemeinschaftsformen zielt das Brussels Social Hotel darauf ab, eine Struktur zu schaffen, die jede einzelne Person einbezieht und gleichzeitig durch Sichtbarkeit und soziale Interaktion zwischen den Bewohner:innen Rehabilitation ermöglicht. Solidarität soll gestärkt werden, ohne Differenz zu nivellieren.

Das Projekt versteht Unterkunft als kollektiven Raum gegenseitiger Fürsorge und Sichtbarkeit, der eine gemeinsame Identität und Gemeinschaft hervorbringt.

Ausgezeichnet mit dem Fachbereichspreis für die beste Masterthesis.