Ochsenkathedrale – Ein experimentelles Quartier für die Kurstadt von morgen
Masterthesis Wintersemester 2025/26

Hrsg. vom Fachgebiet Entwerfen und Stadtplanung (Prof. Dr. Martin Knöll)

Bad Kissingen, Teil des UNESCO-Welterbes »Great Spa Towns of Europe«, steht vor der spannenden Herausforderung, ihr historisches Erbe mit den Anforderungen einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung zu verbinden. Im Spannungsfeld von Tradition und Innovation untersucht diese Arbeit, wie die »Kurstadt von morgen« gestaltet werden kann, sodass Geschichte, Kultur und Welterbe mit innovativen Nutzungen, nachhaltiger Mobilität, zeitgemäßem Wohnraum sowie sozialen und ökologischen Ansprüchen harmonieren und gemeinsam erfahrbar werden.

Das südliche Stadteinganggebiet rund um den ehemaligen Schlachthof (»Ochsenkathedrale«) dient hierfür als Experimentierfeld. Ziel ist es, aus diesem widersprüchlichen Ort ein lebendiges, inklusives und grünes Quartier zu entwickeln, das die Identität und Geschichte des Gebiets bewahrt und zugleich Raum für experimentelle, zukunftsweisende Ansätze bietet.

Das Projekt „Bad Kissingen lebt am Wasser“ transformiert ein bislang infrastrukturell geprägtes Gebiet im Süden der Stadt in ein gemischt genutztes Quartier. Trotz der Lage an der Saale fehlt es bisher an Aufenthaltsqualität, da ein Gewerbestreifen den Zugang zum Wasser unterbricht. Bestehende Strukturen wie Lindesmühle, Kläranlage und Wasserkraftwerk werden nicht verdrängt, sondern als Teil der neuen Stadtstruktur integriert und neu interpretiert.

Wasser bildet das zentrale Leitmotiv und verbindet ökologische, funktionale und soziale Aspekte. Das Areal wird in drei vernetzte Inseln gegliedert. Die Kulturinsel aktiviert Bestandsgebäude und schafft öffentliche Räume am Wasser, die Aufenthalt und Begegnung ermöglichen. Die produktive Insel kombiniert Gewerbe, Handwerk und Wohnen in durchmischten Strukturen mit aktiven Erdgeschosszonen. Die Forschungsinsel entwickelt wasserbezogene Infrastruktur weiter und macht Prozesse der Wasseraufbereitung räumlich erfahrbar.

Ein durchgehender Weg entlang von Saale und Kanal verknüpft die Inseln und bildet eine gemeinsame Mitte. Grünräume übernehmen Retentionsfunktionen, verbessern das Mikroklima und vermitteln zwischen den Nutzungen. Wasser wird in Kreisläufen gedacht, gesammelt, aufbereitet und wiederverwendet.

So entsteht ein Quartier, in dem Alltag, Arbeit und Landschaft eng miteinander verbunden sind und Wege selbstverständlich am Wasser entlangführen. Infrastruktur wird sichtbar und prägt als erfahrbarer Bestandteil die Identität des Stadtraums.

Ausgezeichnet mit dem Fachbereichspreis für die beste Masterthesis.

„Urban Harvest Bad Kissingen“ versteht sich als produktives Quartier und räumliche Ergänzung zur Kurstadt. Es verknüpft Landwirtschaft, Wohnen, Bildung, Energie und Versorgung zu einem integrierten System. Urbane Räume werden dabei nicht mehr nur als konsumierende Flächen gedacht, sondern als aktive Produktions- und Kreislaufräume.

Ausgangspunkt ist der Flächenkonflikt zwischen Ernährung und Verdichtung. Begrenzte Anbauflächen, Hochwassergefahr und geringe Bodenqualität erschweren klassische Landwirtschaft. Die Antwort liegt in vertikalen, modularen und gestapelten Produktionsformen, die mehrfach nutzbare Flächen schaffen. Gärtnereien, Aquaponik und experimentelle Anbauformen verbinden Produktion, Forschung und Bildung sichtbar im Stadtraum.

Der Entwurf setzt auf Weiterbauen im Bestand. Bestehende Gebäude werden transformiert und neu vernetzt: Die Ochsenkathedrale wird zur Visionshalle, die Lindenmühle zum Bildungsort, das ehemalige E-Werk zur Gastronomie. Weitere Strukturen wie Villen, Gärtnereien und Sportanlagen werden integriert.

Die Saale wird als ökologischer und funktionaler Raum eingebunden. Retentionsflächen, neue Auen und gestaltete Ufer erhöhen die Hochwasserresilienz und Aufenthaltsqualität. Technische Infrastrukturen wie die Kläranlage werden als Teil von Stoffkreisläufen sichtbar gemacht.

Die Entwicklung erfolgt in drei Phasen: Aktivierung, Vernetzung und schließlich ein weitgehend autarkes System geschlossener Kreisläufe. Energie entsteht durch Photovoltaik, Biomasse und Abwärmenutzung, während Nährstoffe zurückgeführt werden.

Zentrales Element ist der „Loop“, der das Quartier mit der Kurstadt verbindet und öffentliche Nutzungen bündelt. Gestalterisch werden Motive der Kurarchitektur neu interpretiert.

Urban Harvest ist als offenes Reallabor gedacht – anpassbar, übertragbar und zukunftsweisend für resiliente Stadtentwicklung.