Sechs Absolvent:innen haben für ihre Masterthesis alternativ zu den in jedem Semester kollektiv gestellten Entwurfsaufgaben ein individuelles, selbst entwickeltes, Thema bearbeitet.
Betreut wurden sie von den Fachgebieten Digitales Gestalten, Entwerfen und Baugestaltung, Entwerfen und Gebäudetechnologie sowie Entwerfen und Stadtentwicklung.
Der Wohncampus+ München positioniert sich entlang der Blockkanten des bestehenden Grundstücks. Zugänge zum Quartier entstehen über Durchgänge zwischen den einzelnen Wohnmaschinen, die Innen- und Außenraum miteinander verbinden. Das Aufgreifen von Fluchten und Kanten der angrenzenden Bebauung ermöglicht eine Einbindung des Quartiers in das bestehende Stadtbild.
Das Konzept des Gebäudekomplexes folgt der Idee des Campus. Charakteristisch ist eine aufgelockerte Anordnung einzelner Baukörper, die sich um einen gemeinsamen Freiraum organisieren. Der Außenraum bildet dabei das verbindende Element zwischen den Gebäuden. Anstelle klar gefasster Straßenräume entsteht ein Netz aus Wegen, Freiflächen und Aufenthaltszonen. So entwickelt sich ein zusammenhängender Gebäudekomplex, der als eigenständige Einheit funktioniert.
Die Erschließungsstrukturen der Gebäude sind klar von außen ablesbar, um Menschen mit eingeschränkter Mobilität einen schnellen Überblick über die Gebäudestruktur zu ermöglichen. Auch die Distanzen innerhalb des Quartiers lassen sich anhand der Fassadengestaltung intuitiv erfassen. Laubengänge erschließen alle Wohneinheiten horizontal, während vertikal klar positionierte Treppenhäuser die Gebäude erschließen. Diese übernehmen neben der Erschließungsfunktion auch kommunikative Aufgaben und bieten Abstellmöglichkeiten für Gehhilfen.
Der Entwurf basiert auf der Frage, wie ein Quartier aussehen kann, in dem Senior:innen, Studierende und Pflegepersonal zusammen wohnen, leben und sich gegenseitig inspirieren. Die Grundrissorganisation orientiert sich an den Bedürfnissen der Bewohner:innen. Der Wohncampus+ bietet betreutes Wohnen in Form von Einzelapartments, Mehrzimmerwohnungen sowie Wohngemeinschaften mit Selbstversorgung. Durch flexible Wohn- und Lebensmodelle können die Bewohner:innen ihren Alltag selbstbestimmt gestalten und bei Bedarf auf Pflegeangebote zurückgreifen.
Die Gebäude orientieren sich zum Innenhof. Die östlich und westlich gelegenen Baukörper beinhalten Wohngemeinschaften, die in kleine Studentenzimmer und großzügige Gemeinschaftsbereiche gegliedert sind. Die nördlichen und südlichen Gebäude hingegen sind als Einzelapartments organisiert. Diese können durch schaltbare, flexible Raumstrukturen individuell erweitert werden und reagieren so auf wechselnde Bewohner:innen und sich verändernde Anforderungen. Auf diese Weise können Senior:innen stärker in den Alltag integriert werden; durch die Förderung von Begegnungen wird zudem ein aktives soziales Umfeld gestärkt.
Zentraler Aspekt des Quartiers ist neben dem Wohnen die Förderung von Gemeinschaft. Klar definierte Bereiche im Erdgeschoss ermöglichen den Austausch zwischen allen Bewohner:innen und unterstützen gemeinsame Aktivitäten.
Insgesamt ermöglichen die unterschiedlichen, flexiblen Wohnformen des Wohncampus+ eine individuelle Lebensgestaltung, schaffen bezahlbaren Wohnraum für Studierende, fördern die Teilhabe älterer Menschen am Alltag und bringen unterschiedliche Nutzergruppen miteinander in Kontakt.
Performative Space
Weiterdenken eines Betonmonsters: Transformation ist die Zukunft
Hinter den Baumkronen ragt eine markante Großform aus schalungsrauem Sichtbeton hervor: das Hauptgebäude der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH). Der 1973 von Rolf-Dieter Ramcke entworfene Bau bildet den Abschluss des Stadtwaldes und steht – wie viele Bauten der Nachkriegsmoderne – vor Herausforderungen.
Die starren Strukturen des Bestands erfüllen die Anforderungen einer wandelnden Hochschullandschaft nicht mehr. Räume für neue Lehrformate, flexible Nutzung und energetische Modernisierung fehlen.
Die Freie Masterthesis befasst sich damit, wie das Gebäude weiterentwickelt werden kann. Ziel ist es, dringend benötigte Flächen zu schaffen, den Dialog mit der Stadtgesellschaft zu stärken und Ressourcen nachhaltig zu nutzen. Vermeidung zusätzlicher Versiegelung und eine dem Bestand angemessene Gestaltung stehen im Vordergrund.
Entwurfsidee
Ausgangspunkt ist die Aktivierung verborgener Potenziale. Innenhof und Öffnung zum Wald sollen Raum für performative Handlungen, interdisziplinären Austausch, Aufenthalt und Inspiration bieten. Im Kontrast zur starren Struktur der Überzellen entstehen experimentell nutzbare Räume, die spontane Momente ermöglichen und das Phänomen unerwarteter künstlerischer Begegnungen fördern.
Ein leichtes Dach über dem Hof soll einen klimatisch wirksamen Pufferraum schaffen. Ergänzend ist ein Verbinderbau vorgesehen, der Flächen für die Musiktheorie mit Blick ins Grüne ermöglichen kann. Plastizität, Geometrie und mäandrierende Raumfolgen des Bestands werden in ein Sechseck-Rauten-System überführt. Die Baukörper öffnen sich zu den Himmelsrichtungen, gewährleisten sommerlichen Wärmeschutz und kühlere Waldluft kann an heißen Tagen gezielt genutzt werden.
Das neue HdB
In der freien Masterthesis „Geschichte als Haus | Haus als Geschichte“ wird anhand eines Einblicks in das Skizzenbuch gezeigt, wie sich alternative Ansätze entwickeln lassen, um dem Abrisswahn in Großstädten entgegenzuwirken. Dabei spielt die Idee der Prozessarchitektur eine zentrale Rolle: Wie lässt sich Architektur im Hinblick auf ihre zeitliche Dimension denken? Und wie kann man Gentrifizierung sowie investorengetriebener Stadtentwicklung entgegenwirken?
Und welcher Ort wäre dafür geeigneter als der Unicampus in Bockenheim?
Im Fokus steht die neue Mensa bzw. das Sozialzentrum – ein brutalistischer Bau aus den 1970er-Jahren von Heinrich Nitschke. Mit seiner markanten Präsenz im Stadtraum und den großzügigen Flächen birgt das Gebäude enormes Potenzial, obwohl es derzeit zum Abriss vorgesehen ist – und damit rund 4.500 Tonnen CO₂ grauer Energie verloren gingen.
Ziel ist es daher, ein Haus der Bevölkerung und ein Umbauforum zu entwerfen, das den Bestand respektiert und zugleich weiterdenkt. Der Weg vom Skizzenbuch zum „Tagebuch“ des Projekts zeigt einen Ansatz, der das Gebäude als Materialbank versteht. Das neue HdB setzt auf wenige, dafür umso bewusstere Eingriffe. Das Motto lautet: keine Ideologie, sondern rohe Ehrlichkeit.
Der Entwurf reduziert das Haus auf seinen rohen Bestand und zeigt Materialien in ihrer unverstellten Qualität. Das Gebäude wird selbst zum Erinnerungsträger und Ausgangspunkt seiner eigenen Transformation – mit einem klaren Fokus auf die Prozesse des Umbaus. So wird etwa eine abgebrochene Decke zur Unterkonstruktion einer neuen Treppe oder ein ehemaliger Bodenbelag zum prägenden Fassadenelement. Gleichzeitig treten notwendige Ergänzungen sichtbar in Erscheinung: neue Tragstrukturen in Grün, raumbildende Elemente aus Holz und Glas für Licht und Offenheit.
So entsteht ein flexibles Gefüge aus Vergangenheit und Zukunft, das dem Gebäude erlaubt, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Damit reagiert das HdB auf die sich wandelnden Bedürfnisse und Vorstellungen der Nutzer:innen. Ein progressives, transformatives und ehrliches Haus – eine gebaute Einladung zur Teilhabe und zum bewussten Umgang mit Ressourcen.
Ausgezeichnet mit dem Fachbereichspreis für die beste freie Masterthesis.
CONVITE – SUPER, MARKT!
Stell dir vor, der Supermarkt – dieser selbstverständliche Alltagsort – wird nicht länger nur als Versorger gesehen, sondern als Stadtbaustein. Heute erzeugen 15 % regionale Produkte, 53 % der CO₂-Emissionen entfallen auf die letzte Meile, und ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland lebt einsam. Während Supermärkte riesige Flächen versiegeln, bleiben ihre städtebaulichen Potenziale ungenutzt.
Unsere Frage: Wie kann ein Ort, der täglich besucht wird, der Stadt endlich etwas zurückgeben?
CONVITE – vom portugiesischen „Einladung“ – antwortet darauf mit einer neuen Typologie der urbanen Versorgung. Der ehemalige Galeria Kaufhof in Neuss wird zum Beispiel: kein isoliertes Warenhaus, sondern eine durchwegte, grüne Infrastruktur, die Bewegung, Begegnung und Produktion zusammenführt.
Das Haus wird zur Doppelhelix aus Versorgung und Stadt:
unten Markthalle und regionale Frische, darüber Lernküchen, Verwaltung, soziale Dienste, Gastronomie und Forschung. Dachgarten, Urban Farming und Wohnen verlängern den Alltag vertikal – ein Tag-Nacht-Ort voll Frequenz und Nähe.
Logistik bleibt unsichtbar, aber integriert: elektrisch, gebündelt, effizient. Die alte Verkaufsfläche wird öffentlicher Raum, das Grünband verbindet Innenstadt und Hafen – ein neuer Stadtkreislauf entsteht.
CONVITE versteht Versorgung als soziales Geflecht: Du kannst einkaufen, bleiben, reden, lernen, feiern. Nicht, weil du musst, sondern weil die Stadt dich wieder einlädt, länger zu bleiben, als dein Kassenzettel braucht.
DORF. MITTE. JETZT.
Der ländliche Raum und insbesondere die Ortskerne kleiner Gemeinden stehen vor großen Herausforderungen. Demografischer Wandel, veränderte Lebens- und Wirtschaftsstrukturen sowie neue Baugebiete an den Ortsrändern führen vielerorts zu Leerständen, Funktionsverlusten und einer sinkenden Aufenthaltsqualität.
Auch in Rockenberg wächst die Gemeinde nach außen, während sich der Ortskern zunehmend entleert. Die Vernachlässigung innerörtlicher Potenzialflächen zugunsten neuer Baugebiete verstärkt den sogenannten Donut-Effekt, bei dem die Dorfmitte an Bedeutung verliert. Gleichzeitig gehen regionale Baukultur und gewachsene Traditionen verloren. Dabei bieten bestehende Gebäude, Freiräume und Leerstände große Chancen für eine nachhaltige Entwicklung.
Die Arbeit folgt dem Ansatz der DORFAKUPUNKTUR. Kleine, gezielte Eingriffe an strategischen Orten setzen Impulse für das gesamte Dorf. Gebäude, Freiräume und Landschaftsräume werden aktiviert und miteinander vernetzt, um neue Begegnungsorte und gemeinschaftliche Nutzungen zu schaffen. Die Dorfgemeinschaft spielt dabei eine zentrale Rolle, insbesondere bei der Umsetzung und Weiterentwicklung. Ziel ist es, die Dorfmitte als lebendigen Mittelpunkt des Alltags zu stärken und vorhandene Potenziale nachhaltig zu nutzen.
Bestehende Gebäude und Freiräume werden umgenutzt und weiterentwickelt. Gemeinschaft, lokale Wertschöpfung und Kulturlandschaft werden gestärkt, während die regionale Baukultur zeitgemäß weitergedacht wird. Kurze Wege, Verkehrsberuhigung und aufgewertete Straßenräume vernetzen zentrale Orte. Gemeinschaftliche Treffpunkte fördern Begegnung und Nutzung im Ortskern.
Die Wiederbelebung ländlicher Regionen gelingt nur durch gemeinsames Handeln. Entscheidend ist es, Potenziale sichtbar zu machen und Räume zu öffnen, die Menschen ermutigen, selbst aktiv zu werden und weitere Projekte anzustoßen.