Bahnhofs.Quartier Biebrich – Design für Alle in der Nachhaltigen Stadtentwicklung

Forschungsprojekt für die Landeshauptstadt Wiesbaden

In Wiesbaden soll um den Bahnhof in Biebrich unter dem Leitbild eines „inklusiven, 15-Minuten-Stadtteil“ ein gemischtes Quartier entstehen. Dieses Projekt zielt darauf ab das Konzept des „Design für Alle“ im laufenden städtebaulichen Entwicklungsprozess zu verankern. Darunter verstehen wir Freiraum, Verkehr, Architektur aber auch Produkte und Dienstleistungen, die besonders leicht und komfortabel nutzbar sind. Und zwar für alle Menschen, unabhängig von ihren Fähigkeiten und entsprechend ihrer Bedürfnisse. Im Projekt kooperieren die Landeshauptstadt Wiesbaden mit dem Fachgebiet Entwerfen und Stadtplanung der TU Darmstadt und grauwert, dem Büro für Inklusion und demografiefeste Lösungen aus Hamburg. Geplant wurden gemeinsame Aktivitäten zum Wissenstransfer, die Identifikation positiver Beispiele und die Bewertung der Potentiale für eine „inklusive Stadtgestaltung“ vor Ort, sowie die Entwicklungen von konkreten Handlungsempfehlungen für ein Stadtteilentwicklungskonzept, unter Beteiligung von Studierenden der TU Darmstadt.

Der entstandene Fachbeitrag untersucht am Fallbeispiel Wiesbaden, wie das Leitprinzip „Design für Alle“ konsequent in die nachhaltige Stadtentwicklung integriert werden kann. Im Gegensatz zu nachträglichen Speziallösungen für Minderheiten zielt dieser Ansatz darauf ab, von Beginn an Mehrwerte an Komfort, Attraktivität und Nutzbarkeit für die gesamte Bevölkerung zu schaffen.

Auf Basis rechtlicher, gesellschaftlicher und planerischer Grundlagen entwickelt der Fachbeitrag einen praxisorientierten Impulskatalog für zentrale Handlungsfelder wie Begegnung, Mobilität, Wohnen, Versorgung und Beteiligung.

Die Ergebnisse zeigen, dass es weniger an gesetzlichen Vorgaben fehlt, sondern vor allem an konkreten Werkzeugen und vermittelbarem Handlungswissen, um Inklusion systematisch in Planungs- und Umsetzungsprozessen zu berücksichtigen. Der Fachbeitrag leistet hierzu einen Beitrag, indem er übertragbare Konzepte und Empfehlungen formuliert, die sowohl für die Weiterentwicklung des Bahnhofs.Quartiers Biebrich als auch für weitere Projekte der nachhaltigen Stadtentwicklung nutzbar sind.

Begegnung:

  • Öffentliche Räume und alltägliche Treffpunkte sind so zu gestalten, dass sie niedrigschwellig nutzbar sind, soziale Interaktion fördern und unterschiedliche Bedürfnisse selbstverständlich mitdenken.

Mobilität:

  • Inklusive Mobilität beginnt bei barrierefreien Wegen, Haltestellen und Übergängen und reicht bis zu verständlichen Leitsystemen und komfortablen, multimodalen Angeboten im Quartier.

Wohnen:

  • Wohnangebote müssen vielfältig, flexibel und langfristig nutzbar sein, um unterschiedlichen Lebenssituationen, Altersgruppen und Unterstützungsbedarfen gerecht zu werden.

Versorgung:

  • Eine gut erreichbare, barrierefreie Nahversorgung stärkt Selbstständigkeit, Teilhabe und Lebensqualität und ist ein zentraler Baustein des inklusiven 15-Minuten-Stadtteils.

Beschäftigung & Bildung:

  • Quartiere profitieren von durchmischten Nutzungen, die wohnortnahe Bildungs-, und Beschäftigungsangebote ermöglichen und soziale Teilhabe fördern.

Beteiligung (Querschnittsthema):

  • Inklusion erfordert Beteiligungsformate, die unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen, Barrieren abbauen und frühzeitig in Planungsprozesse integriert sind.

Bilder: büro grauwert/UDP/LHW

 

 

Der interdisziplinäre Arbeitsprozess des Projekts „Design für Alle in der nachhaltigen Stadtentwicklung“ zeichnet sich durch die enge Verzahnung von Wissenschaft, privater Fachplanung und kommunaler Planungspraxis aus. Im Zentrum steht die Kooperation zwischen dem Fachgebiet Entwerfen und Stadtplanung der TU Darmstadt, dem Büro grauwert (Experten für Inklusion, Produktdesign und demografiefeste Lösungen) und dem Stadtplanungsamt Wiesbaden.

Die besondere Herausforderung und zugleich Stärke der Zusammenarbeit lag in der Überbrückung unterschiedlicher „Flughöhen“ der beteiligten Disziplinen. Während die Stadtplanung den großräumigen Maßstab eines Quartiers für über 1.000 Bewohner adressiert, fokussiert sich das Produktdesign auf die individuellen Bedürfnisse und die Vielfalt menschlicher Fähigkeiten und Einschränkungen. Dieser methodische Perspektivwechsel ermöglichte es, Inklusion nicht als defizitorientierte Sonderlösung für Minderheiten, sondern als funktionalen und attraktiven Mehrwert für die gesamte Bevölkerung zu begreifen – getreu dem Motto „Wollen statt Müssen“.

Methodisch wurde dabei der Ansatz des „forschenden Entwerfens“ verfolgt. Dieser iterative, kreative und analytische Prozess erlaubte es, Wissen aus den verschiedenen Disziplinen synergetisch zu kombinieren und innovative Lösungen für die komplexe Planungsaufgabe im Bahnhofs.Quartier Biebrich zu entwickeln. Ein zentraler Erfolgsfaktor war die Entwicklung einer gemeinsamen Bildsprache in Form von Zeichnungen und Diagrammen, die sprachliche Barrieren zwischen den Fachbereichen abbaute und komplexe interdisziplinäre Erfahrungen schnell erfassbar machte. Trotz der Herausforderung unterschiedlicher Arbeitsgeschwindigkeiten von Universität, Ämtern und Privatwirtschaft gelang so ein effektiver Wissenstransfer.

Durch die enge Einbindung des Stadtplanungsamtes Wiesbaden konnte der Fachbeitrag konsequent an reale planerische Fragestellungen, Rahmenbedingungen und Entscheidungsprozesse anschließen. Die Ergebnisse sind daher nicht als abstrakte Leitlinien, sondern als praxisnahe Impulse und Handlungsempfehlungen formuliert, die sich in laufende und zukünftige Stadtentwicklungsprozesse integrieren lassen.

Der interdisziplinäre Arbeitsprozess erwies sich damit nicht nur als methodischer Ansatz, sondern als zentrale Voraussetzung dafür, Inklusion als gestaltbare, vermittelbare und übertragbare Ziel-Qualität nachhaltiger Stadtentwicklung zu begreifen.

"Inklusiver Stadtplanung ein Gesicht geben"

Mathias Knigge – Oft fehlen konkrete Bilder um anschaulich zu machen, wie barrierefreie Zugänglichkeit und Inklusion umgesetzt werden können. Auch die Darstellung der attraktiven Mehrwerte eines Design für Alles ist in der Stadtplanung nicht etabliert.

Im Forschungsprojekt „Bahnhofs.Quartier Biebrich" wurden dafür im Büro grauwert die passenden Bildwelten erstellt. Sören Jungclaus zeichnete im durchgängigen Stil eingängige Situationen und leicht vermittelbare Bilder. Diese zeigen Situationen, Lösungen, Produkte, Dienstleistungen und gebaute Umwelt die es Menschen einfacher macht am urbanen Leben teilzuhaben und mit denen Barrieren der verschiedensten Art vermieden werden können.

Ein weiterer Schritt, um den Ansatz des Design für Alle in der Inklusiven Stadtplanung zu verorten, ist das von Mathias Knigge erstellte Diagramm. Hier werden Dimensionen der menschlichen Vielfalt systematisch in Bezug zu Design, Planung und Stadtentwicklung vorgestellt.

In der umfangreich illustrierten Studie, zeigen viele Bildstrecken klassische Lösungen im Design für Alle und erläutern das Konzept auf eingängige Weise.

Koordination

Fachgebiet Entwerfen und Stadtplanung, TU Darmstadt

  • Prof. Dr.-Ing. Martin Knöll
  • Camilo Pfeffer


In Kooperation mit

grauwert – Büro für Inklusion und demografiefeste Lösungen, Hamburg

  • Mathias Knigge
  • Sören Jungclaus


Laufzeit

1. Juni 2023 – 31. Oktober 2025


Förderung

Landeshauptstadt Wiesbaden, Hessen


Publikation

Design für Alle in der nachhaltigen Stadtentwicklung – Fachbeitrag für die Entwicklung eines inklusiven 15-Minuten-Stadtteils mit Handlungsempfehlungen für das Bahnhofs.Quartier Biebrich in Wiesbaden