Modehaus Antwerpen

Masterthesis Sommer 2020

Herausgegeben vom Fachgebiet Entwerfen und Nachhaltiges Bauen (Prof. Christoph Kuhn)

Das neue Modehaus ist ein Ort, an dem Mode entworfen, erprobt, produziert, präsentiert, verkauft, repariert, recycelt und archiviert wird. Das detaillierte Programm spiegelt diese heterogenen und hybriden Anforderungen an die zu entwerfenden Räume. Das Haus ist gleichsam Büro, Atelier, Werkstatt, Wohnung, Showroom, Store und kommunikativer Treffpunkt für Mitarbeiter, Kunden und Besucher. Ziel ist es, eine funktionale und räumliche Organisation zu entwickeln, die das Zusammenwirken und den Austausch zwischen all diesen Bereichen fördert und positive Synergien erzeugt. Kreative, handwerkliche und administrative Prozesse müssen sich stärkend ergänzen und nicht behindern. Flächen sollen angemessen sparsam, effizient und flexibel genutzt werden, die Räume differenzierte und inspirierende atmosphärische Qualitäten entstehen lassen.
Der Ort, am Übergang vom historischen Stadtkern zum neuen Hafenquartier, bietet mit seinem rauen, gewerblich geprägten Umfeld vielfältige Anknüpfungspunkte und Reibungsflächen.
Der sich im Rhythmus von Ebbe und Flut bewegende Wasserspiegel des Hafenbeckens prägt als lebendige Projektionsfläche einen besonderen Stadt- und Naturraum mit dem MAS Museum als vertikalen Ankerpunkt. Wie interagiert das Modehaus mit diesem vielschichtigen Kontext, wie gestalten sich Übergänge und gezielte Durchlässigkeit zwischen Öffentlichkeit und Modehaus mit positiver Wirkung für beide?
Die Größe des Grundstücks lässt Spielraum für Freiräume, die als integraler Bestandteil des Gebäudekonzeptes genutzt werden sollen. Das bestehende alte Zollgebäude kann erhalten und Teil einer neuen Gebäudestruktur werden oder einem kompletten Neubaukonzept weichen. In beiden Fällen ist eine konsistente Strategie im Hinblick auf Ressourceneinsatz und Energieeffizienz gefragt. Zu klären ist ebenso der Anschluss an das südlichangrenzende Youth Cultural Center „Het Bos“. Im thematisch angelegten Spannungsfeld von (Bau)Körper und Bekleidung, von permeabler Stofflichkeit und hermetischer Materialität bedarf die Beziehung von Tragendem und Verhüllendem besonderes Augenmerk. Dies gilt gleichermaßen für ihren funktionalen und technischen Aufbau wie ihre visuelle, haptische und taktile Wahrnehmung nach Innen und Außen. Die Modewelt diskutiert kritisch die ungebrochene Entwicklung zum ressourcenverschwendenden und klimaschädlichen Rhythmus der Fast Fashion. Modehäuser und Bekleidungsindustrie postulieren die dringend notwendige Veränderung zum nachhaltig verlangsamten Konzept der Slow Fashion. Wo liegt die architektonische Antwort im Konflikt zwischen einer anpassungsfähigen Schnelllebigkeit und einer bewahrenden Dauerhaftigkeit? Welches Gewand trägt Slow Architecture? Als „Bauherren“ stehen zwei zukunftsweisende Mode-Designer aus Antwerpen zur Auswahl: Für Shuting Qiu oder Brandon Wen entwerfen Sie das Modehaus. Ihr/sein Modekonzept ist Ausgangspunkt und Rahmen für Ihr Architekturkonzept. Alternativ wählen Sie ihre Favoritin/Favoriten selbst.

Das Modehaus für die Designerin Toos Franken aus Antwerpen gliedert sich in zwei sichtbare Kubaturen, die sich aus der Struktur des Bestandsgebäudes am Godefriduskaai entwickeln und zum einen mit 3 Obergeschossen aufstockt. Das nördlich gelegene Hauptgebäude bildet somit eine markante Adresse. Durch eine öffentliche, durchgesteckte Passage gelangt der Besucher im Erdgeschoss in den Innenhof. Dieser zentrale Freiraum schafft zum einen den Anschluss an das Het-Bos Youth Center und gelangt weiterhin zum öffentlichen Café und Co-Fashion-Lab.

Das Hauptgebäude zum Godefriduskaai beinhaltet in einer umlaufend, offenen Struktur mit Lufträumen die Ateliers, die nachhaltige Produktion und Präsentation von Toos Franken.

Das neue Modehaus fungiert als kollektiver temporärer Produktions-, Präsentations- und Wohnort für drei DesignerInnen.

Das Entwurfskonzept basiert darauf, den genius loci zu erhalten und den Bestand umzunutzen. Integraler Bestandteil des Gebäudekonzeptes ist der Freiraum, welcher als Innenhof neu geschaffen wird. Diese kommunikative Mitte ist Überschneidungspunkt zwischen öffentlichem und privatem Raum. Die Aufstockung ist als reine Holzkonstruktion vorgesehen, die transparente weiße Hülle aus perforiertem Aluminium-Lochblech legt sich in geschwungenen Bahnen um diesen neuen Kubus. Dadurch wird das ergänzte Volumen in ein eigenes, neues Gewand gehüllt. Alt und Neu bilden so eine neue Einheit, lassen sich jedoch immer noch klar unterscheiden.

Der Bestand des historischen Kontorgebäudes wird sensibel subtrahiert und mit einer leichten thermischen Hülle und ein alles überdeckende Stoffdach ergänzt.
Im hinteren, leicht versunkenen Teil wird ein Garten in die Struktur integriert. Dieser kontrastiert mit einer Terrasse, die sich auf dem vorderen Teil befindet und sich zur Stadt richtet.
Garten und Terrasse sind über Kaskadentreppen miteinander verbunden. So entsteht ein Rundgang zwischen beiden Elementen. An diesen Rundgang sind die Hauptnutzungen des Gebäudes angeschlossen.
Die Hülle ist analog zum Garten und die Bestandsstruktur eingebettet und enthält ein Zwischenklima, in dem sich die Produktion der Stoffe und Kleider befindet und ein Normalklima in den vorderen beiden Achsen.
Das Gebäude bietet so eine angemessene Atmosphäre für die Entwicklung und Herstellung nachhaltiger Mode in einem urbanen Kontext.

Das Modehaus in Antwerpen trägt den Namen des Designers Tayfun Kaba, der dieses Jahr seine erste Kollektion Arrogant SS202X vorgeführt hat.

In einer Zeit, in der wir von Fast Fashion überrannt werden, ist seine Mode ein Gegenpol zum Mainstream und steht für Nachhaltigkeit und Transparenz. Diese Transparenz wird im architektonischen Entwurf übersetzt. Der Entwurf basiert auf dem Bestandsgebäude, die Skelettbauweise bleibt dabei erhalten. Wo Licht und Luft benötigt wird, werden Decken und Wände herausgeschnitten. Der Neubau steht mit gebeiztem hellen Holz für Nachhaltigkeit. Die Transparenz wird durch zahlreiche Fenster und Lufträume erzeugt, sodass Besucher einen Einblick in das Geschehen im Modehaus erhalten.

Das Modehaus für die Designerin Toos Franken orientiert sich an ihrer klaren und geradlinigen Mode, sowie ihrer Arbeit mit der Schichtung von Stoff.

Die Fassade des Bestandsgebäudes dient als Kulisse für den Stadtraum, der sich im Block weiter entwickelt.

Das Modehaus besteht aus drei Volumen, welche im bestehenden Stützenraster angeordnet sind. Sie greifen Kanten der Nachbarbebauung auf und erzeugen einen

städtischen Freiraum innerhalb des Blocks. Jedes Volumen übernimmt bestimmte Funktionen, während die räumliche Verknüpfung dieser durch die Freiräume und Brücken, welche an jedes Volumen anschließen, gebildet wird. Diese Freiräume erweitern die Nutzung des Gebäudes, womit es zu einem Ausdruck urbaner Industrie und sozialen Vernetzung wird.