Hau´den Lucas
Masterthesis Sommer 2021

Hrsg. vom Fachgebiet Entwerfen und Stadtentwicklung (Prof. Dr. Annette Rudolph-Cleff)

Die Stadt ist ein Postkartenidyll, reich an historischer Bausubstanz und malerisch in der Hügellandschaft des Frankenwaldes gelegen. Kronach blickt auf eine über tausendjährige Geschichte zurück, die erste urkundliche Erwähnung als urbs crana datiert aus dem Jahr 1003. Kronach ist auch Namensgeber für ihren berühmten Sohn Lucas Cranach (der Ältere), der im Hause seines wohlhabenden Vaters, des Bürgers Hans Maler, seine erste künstlerische Ausbildung erhalten hat. Er hatte 6 Schwestern und drei Brüder, und diese Malerkinder scheinen einige Aufregung im friedlichen Ort verursacht zu haben, wenn man den Gerichtsakten aus dem Jahr 1495 über das schlechte Betragen der Maler-Kinder Glauben schenkt.

Kronach gehörte von 1122 bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum katholischen Hochstift Bamberg und war im Besitz der Bamberger Fürstbischöfe. Erst mit der Säkularisation des Hochstifts Bamberg fielen Kronach und seine Festung 1803 an das Kurfürstentum Bayern.
Die Festung Rosenberg trohnt als barockes Bollwerk über der Stadt, sie hat ihre Ursprünge im 13. Jahrhundert und blickt auf eine lange Geschickte von der ersten Festung über die mittelalterliche Schutzburg bis zum später ergänzten Renaissanceschloss zurück.
Mit Wehranlagen und Wallgräben wachte sie über die Handelsrouten nach Thüringen und in den Frankenwald. Allen Bedrohungen während des Bauernkrieges und des sogenannten Markgrafenkrieges konnte Kronach trotzen. Die wiederholten Belagerungen und Angriffe im Dreißigjährigen Krieg, im sogenannten „Schwedenkrieg“ in den Jahren 1632 bis 1634 konnten die Kronacher erfolgreich abwehren. Bezeichnenderweise wurde die Festung Rosenberg nie gewaltsam eingenommen.
Herausforderungen waren – zwischen Reformationszeit und Westfälischem Frieden – die konfliktträchtige Nähe zum protestantischen Sachsen und wiederholte Kampagnen der Hexenverfolgung. Durch ihre Lage abseits der Großstädte und mangels bedeutender Industrieanlagen bzw. strategischer Ziele überstand die Stadt auch den 2. Weltkrieg unbeschadet. Der historische Kern ist daher außergewöhnlich vollständig und unversehrt, die meisten neueren Ergänzungen darin wurden zudem behutsam eingepasst und sind von hoher architektonischer Qualität. Durch die Gebietsreform von 1978 wuchs Kronach mit der Eingliederung umliegender Gemeinden sprunghaft auf 18.500 Einwohner an, heute sind es noch 16.815 (2019).

Mit dem Ziel, einen Lucas-Cranach-Campus zu errichten und sich damit als Hochschulstandort zu etablieren, steht die Stadt aktuell vor neuen Herausforderungen. Die Zielgröße von 1600 Studierenden auf 16.000 Einwohner ist für die Stadt ein großer Schritt. Nicht nur neue Gebäude, neue Nutzungen und Wegebeziehungen, auch eine neue Bevölkerungsgruppe will damit in das gewachsene Gewebe eingeflochten werden. Die Transformation zur Hochschulstadt stellt zweifelsfrei eine große Chance dar, ermöglicht durch die bayrische Landespolitik, ist aber zugleich auch eine heikle Aufgabe: Wenn schon die Malerkinder den Kronacher Bürgerinnen und Bürgern zu wild waren – vielleicht wird es ja den Studierenden gelingen, Kronach nun doch noch einzunehmen? Die anstehende Veränderung löst nicht nur hoffnungsfrohe Erwartungen aus…

In unserer städtebaulichen Masterthesis-Aufgabe geht es um Lösungen für den Lucas-Cranach Campus im Stadtgefüge: um Konversion, Innenentwicklung und Integration.

Stadt unterschiedlicher Charaktere

In Kronach sind unterschiedliche Stadtstrukturen zu finden, die den Quartieren ihren eigenen Charme und Identität verleihen. Der Entwurf stellt sich dem Ziel, mit dem Einzug der Studierenden einen Mehrwert für alle Bewohnerinnen und Bewohner in Kronach zu schaffen und schreibt die Charakterstadt Kronach mit neuen Arealen für dezentralen Lucas Cranach Campus fort.
Im Norden entsteht so das Innovationslabor mit Neubauten entlang der Bahnlinie und mit Umnutzungen im Carl Link Areal. Neben Laboren, Seminarräumen und Hörsälen werden Wohnungen für Studierende, Senioren oder Wohngruppen in Clustergrundrissen angeboten.
Südlich des Bahnhofs werden auf der ehemaligen Bahnfläche die bestehenden Hofstrukturen zu einer Wohnwerkstatt weiterentwickelt. Das bereits in Kronach vorhandene Handwerk und kreatives Gewerbe kann dort Raum finden. Arbeits- ,Atelier- und Werkstattflächen werden ergänzt durch inklusive Wohnformen. Das Quartier endet im Süden mit einer Strandbar dem alten Bahnstellwerk. Die alte Gleisbrücke wird genutzt als neue Fuß-Radwegverbindung zum Landesgartenschaugelände. Eine Markthalle und die Parkanlage der Landesgartenschau bilden wichtige Schnittstellen zwischen der Altstadt und
Am südlichen Stadteingang entsteht als Auftakt das Forum mit Bibliothek, Hörsaalbereich und zentralen Diensten des Campus. Die Räumlichkeiten und gute Erschließung des Standortes sind ideal für große Veranstaltungen und multifunktionale Nutzungen. Studentisches Wohnen in Wohngemeinschaften, ein Boarding House und Start-ups ergänzen das Programm.
Der Entwurf eröffnet neue Qualitäten für Studierende und die Bürgerschaft in den neuen Quartieren: in der städtebaulichen Setzung neuer Stadteingänge, in der differenzierten Struktur der neuen Quartiere, die immer auch den Bezug zum Bestand im Blick hat, in der Mischung von Hochschulnutzungen mit Wohnen, Arbeiten und Freizeitangeboten, in der Verbindung zur Altstadt und insbesondere in neuen Wegeverbindungen, die die Stadtcharaktere miteinander verbinden und erlebbar machen. Mit den neuen Quartieren ihren attraktiven Verbindungen gelingt ein integriertes Angebot auf allen Ebenen des Stadtlebens.

Allmächd!

Auf der Grundlage einer sorgfältigen Analyse entwickelt der Entwurf sein städtebauliches Konzept. Es werden unterschiedliche Entwicklungsräume in Kronach identifiziert, die über neue Angebote im Stadtraum das Studieren integrieren und die Lebensqualität fördern sollen. Der Entwurf schlägt ein dichtes Netz aus Aktionsräumen mit Angeboten für die Studierenden und die Bürgerinnen und Bürger vor, die sich entlang der Haslach aufspannen und mit der Altstadt vernetzen. Diese Aktionsräume setzen Impulse in ihre Umgebung und beeinflussen somit das gesamte Stadtleben.
Die Reaktivierung und Vitalisierung von geeigneten Potentialräumen erfolgt in Form von umgenutzten Freiräumen, Leerständen und Brachflächen. Hierbei ist sowohl der bauliche Kontext als auch eine Neugestaltung von Frei- und Grünflächen vorgesehen, um beispielsweise das Freitzeitangebot innerhalb des Landesgartenschau-Geländes zu ergänzen und den Flussraum am Zusammenfluss der Haßlach und Kronach erlebbar zu machen. Durch unterschiedliche Maßnahmen sollen kommunikative Räume entstehen, die den Dialog und die Interaktion der unterschiedlichen Nutzergruppen unterstützen. Die Schaffung von neuen, lebendigen Räumen, soll die Diversität der Akteure, der ,,alten“ und ,,neuen“ Stadtbürger fördern und den Stadtraum neu erlebbar machen. Barrierefreiheit, Inklusion und Teilhabe am öffentlichen Raum sollen die Identität der Orte stärken.
Mit einem dichten Netz an neuen attraktiven Angeboten wird Kronach neu erschlossen für seine Bewohner und Bewohnerinnen. Dabei sind die Standorte und ihr Nutzungsangebot so gewählt, dass viele Synergien zwischen der Stadt und ihrer neuen Aufgabe als Hochschulstandort eröffnet werden.

Geteilte Stadt, Geteilte Freude

Die Stadt Kronach, die für ihr idyllisches und historisches Stadtbild berühmt ist, blickt auf eine neue Entwicklung und ambitionierte Zukunft als Hochschulstandort. Der Ausgangspunkt des Entwurfs basiert auf der Frage, wie man eine Balance zwischen den bestehenden Strukturen und der neuen Entwicklung finden kann, und mit welcher Strategie man zwischen den Interessen der Studierenden und der einheimischen Bevölkerung vermitteln kann, so dass Isolation, fehlender Austausch, Rücksichtslosigkeit, Missverständnis und soziale Spaltung vermieden werden. Es geht darum, Offenheit, Kommunikation, Aufgeschlossenheit und Rücksicht, zu fördern. Als eine mögliche Antwort mit großem Potenzial auf diese Frage wird das Thema „Teilen“ vorgeschlagen.

Der Entwurf hat sich damit ein sehr starkes konzeptionelles Thema gegeben. Mit dem Ziel mit dem Einzug der Studierenden auf möglichst vielen Ebenen einen Mehrwert für alle Menschen in der Stadt zu erzeugen, greift der Entwurf das Thema des Teilens nicht nur im akademischen Austausch und im Kreativen arbeiten auf, sondern auch in der gemeinsamen Freizeitgestaltung, im alltäglichen zusammenleben und im Fortschreiben der kulturellen Geschichte der Stadt. Mit großer Sorgfalt werden mögliche Strategien für die räumliche Umsetzung entwickelt. Es geht um Verknüpfung öffentlicher Räume, um die Aktivierung des Stadtrandes und die Verknüpfung der Stadtteile und um die Katalysator-Wirkung des Stadtrandes für die zukünftige Stadtentwicklung. Entsprechend ordnet der Entwurf das studentische Wohnen im Süden an den Rand des Landesgartenschau-Geländes an, um dem Zusammenwachsen Zeit und Raum zu geben. Differenziert werden Stratgien entwickelt zur Mobilität, zu Erweiterungen der Nutzungsangebote, zur Freiraumgestaltung, zur Orientierung im Stadtraum durch das Ergänzen neuer Landmarken und zur Stadtökologie.

Die räumliche Umsetzung im Entwurf und der hohe Durcharbeitungsgrad konkretisieren das starke Konzept. Mit dem Thema des Teilens wird ein Thema aufgegriffen, das auch als Zukunftstrend gilt, und das einen Beitrag zur Ressourcenschonung und zur Gemeinwohl orientierten Stadt leistet. Der Entwurf stellt eine visionäre Zukunft für Kronach vor: eine Stadt mit vielfältigen Räumen für das gemeinsame Leben und Lernen, wo alle beim Arbeiten, Lernen, Studieren, Freizeit verbringen, Wohnen usw. harmonisch zusammenleben und durch das Teilen gewinnen.