Tuebingen Waldhäuser Ost

Masterthesis Winter 2019/20

Hrsg. vom Fachgebiet Entwerfen und Stadtentwicklung (Prof. Dr. Annette Rudolph-Cleff)

Als eine der ältesten Universitätsstädte Deutschlands steht Tübingen für Wissenschaft und Fortschritt. Die städtebaulichen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte sind in der Fachwelt weithin bekannt, und werden nach wie vor häufig als Vorbilder für nachhaltige Mischnutzungskonzepte herangezogen. Doch auch in Tübingen gibt es noch Stadtteile, die dringend einer Weiterentwicklung bedürfen:

Der am nördlichen Rand gelegene Stadtteil Waldhäuser Ost liegt derzeit im Fokus der Tübinger Stadtentwicklung,. Diese zu großen Teilen in den 1970er Jahren realisierte Großsiedlung ist in die Jahre gekommen. Wie zahlreiche Großsiedlungen der 1960er und 1970er Jahre in Deutschland, die unter dem Paradigma der autogerechten Stadt und zur Bekämpfung der damaligen Wohnungsnot errichtet wurden, mutet Waldhäuser Ost an wie eine monofunktionale Schlafstadt. Handlungsbedarf besteht auf allen Feldern: Sozialstruktur, Nutzungsangebot, Versorgungs- und Gewerbestruktur, Bausubstanz, Freiraumqualität und nicht zuletzt Mobilität bzw. Vernetzung.

Insofern scheint Tübingen Waldhäuser Ost der geeignete Ort, um die Auseinandersetzung mit den Hinterlassenschaften der autogerechten Stadt zu führen und die Umwandlung einer unwirtlichen 1970er Jahre Großsiedlung in ein urbanes Quartier zu thematisieren. Eine Aufgabe, die infolge der Verkehrswende und der neuen Wohn- und Arbeitskulturen Stadtplaner und Architekten in den nächsten Jahrzehnten in zahlreichen deutschen Städten herausfordern wird.

Die städtebauliche Masterthesis Aufgabe im Wintersemester 2019/20 behandelt die Themen Wohnen und Arbeiten, Mobilität, Nachverdichtung und Nutzungsmischung, und fragt nach Qualitäten der Frei- und Straßenräume am Beispiel der Siedlung Waldhäuser Ost im Norden von Tübingen.

AUSGANGSPUNKT & KONZEPTIDEE
Vier wesentliche Defizite bilden den Ausgangspunkt der Arbeit „ein neuer Impuls für WHO“: Die als zu wenig dicht identifizierte Bebaung, die ungeordneten Grünflächen zwischen den Bau-körpern, deren fragmentierte Vernetzung mit Wegen sowie die starke Barrierewirkung des Berliner Rings.In der durch den wachsenden TTR steigenden Wohn-nachfrage wird ein Potenzial erkannt, das einerseits Nachver-dichtungen erfordert, andererseits aber auch neue Impulse jen-seits der reinen Wohnnutzung ins Gebiet injizieren könnte.

ENTWURFSZIELE
Neben der oben erwähnten Nachverdichtung zielt die Arbeit auch auf eine verbesserte Wegevernetzung des Gebietes ab. Ins-besondere die Anschlüsse von WHO Zentrum an die umlie-genden Siedlungsteile jenseits des Berliner Rings stehen hierbei im Fokus. Eine Integration synergetisch wirkender neuer Nut-zungen sowohl für die eingesessene Bewohnerschaft als auch für Neubürger aus dem Kontext des TTR sollen, so die Absicht, neue Impulse für den Stadtteil setzen. Eine Belebung des sozialen Ge-füges der vorhandenen Nachbarschaften im Zusammenspiel mit einer neuen Bewohnerschaft ist intendiert

MASSNAHMEN
Mit einem Ort der Begegnung am ehemaligen Standort des EKZ sowie einem Ort der Generationen zentral im Innenberech des Berliner Rings werden zwei wesentliche Impulse für WHO ge-setzt. Nutzungen wie Mensa, Bibliothek, Einzelhandel und Boar-ding Houses einerseits, eine Kita, Senioren WG ́s und ein Repair-Café anderserseits füllen die neuen städtebaulichen Setzungen im Sinne der Entwurfsziele. Das kontextsensitive, differenzierte Wegenetz bindet diese unter wassersensitiver Aufwertung der Freiräume in den Stadtteil ein und bildet an vier Punkten An-schlüsse an die umgebenden Siedlungsteile. Die neu geschaffenen Haltestellen der Regionalstadtbahn sowie der fußläufige Anschluss an den TTR im Süden und an die Naherholungsflächen im Norden werden bei der Auslegung des Wegenetzes und der Shared-Space-Übergänge über den Berliner Ring hinweg als konstituierend berücksichtigt.

AUSGANGSPUNKT & KONZEPTIDEE
Ausgehend vom Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzept 2018 für Waldhäuser-Ost, Tübingen, widmet sich diese Arbeit der Nachverdichtung des Stadtteils WHO und der noch ausstehenden Klimaanpassungsstrategie sowie der Freiraumge-samtkonzeption. Handlungsfelder sind hierbei eine wassersensitive Stadtentwicklung durch ein Wasserressourcenmanagement, welche die Aufbereitung von Grau- und Regenwasser, Bewässe-rungssysteme und Retentionsflächen beinhaltet. Zudem werden bisherige Schwachpunkte des Stadtteils auf der Ebene der Mobilität aufgegriffen. Probleme der bisher schweren Orientierung aufgrund einer Mischung aus dutzenden Privat- und öffentlichen Wegen, die nicht gegebene Barrierefreiheit und verschiedene Angsträume sind hierbei zu lösen.

ENTWURFSZIELE
Zunächst soll ein stufenloses Schleifensystem als Hauptwegever-bindung in Nord-Süd- sowie Ost-West-Richtung etabliert wer-den und so alle angrenzenden Stichstraßen anbinden.Das Handlungsfeld Teilen+Umnutzen bezieht sich im wesentlichen auf das Prinzip des Clusterwohnens der Neubauten, sowie auf ein Wohungstauschprogramm ähnlich „Optiwohn“.

MASSNAHMEN
Die zentrale Freifläche spannt sich zwischen südlichem Vorplatz mit Stadtbahnhaltestelle und dem nördlichen Ende der Grund- und Waldorfschule auf. Der Vorplatz wird gesäumt von Nahversorger, Einzelhandel, öffentlicher Mensa, Altenheim, Hallenbad und Kita. Bergauf gliedern sich die verlängerten Stichstraßen an, die zu den Dachgärten auf den Parkgaragen führen.Die Bibliothek soll zum sozialen Treffpunkt in der Mitte des Gebiets WHO werden. Sie übernimmt die Aufgabe der Bildung und Förderung von Kindern, Jugendlichen, aber auch Er-wachsener u.a. mit Migrationshingtergrund mithilfe von Work-shops und Kursen.Die Klimaanpassungsstrategie sieht ein integriertes Wasserressourcenmanagement vor, welches Grauwasser sammelt und aufbereitet sowie Regenwasser sammelt und filtert. Diese Ressource wird Dank des natürlichen Gefälles mittels hydrostatischem Druck auf niedriger gelegene Garagengärten geleitet. Eine Kooperation mit dem Fachgebiet Informatik am TTR er-weitert die Möglichkeiten. Der Dachgarten bewirkt somit nach-barschaftliche Teilhabe, Austausch und Weiterbildung.

AUSGANGSPUNKT & KONZEPTIDEE
Das Gebiet Waldhäuser Ost in Tübingen weist eine Vielzahl verschiedener Typologien auf. Die Heterogenität des Gebiets spiegelt sich in dessen Flächen wieder. Der Stadtteil ist durch eine Hauptverkehrsstraße, dem Berliner Ring eingefasst. Private, halböffentliche, öffentliche und brach liegende Flächen bilden den Charakter der einzelnen Quartiere. Durch die strikte Aufteilung der Flächen sind in sich geschlossene Quartiere entstanden, welche autonom im Stadtbild stehen.

ENTWURFSZIELE
Ziel ist es, die Freiraumgestaltung grundlegend anzupassen, und eine bessere Verbindung zwischen alten und neuen Flächen zu schaffen. Zunächst gilt es, eine Anbindung von außerhalb in das Gebiet zu ermöglichen. Darüber hinaus besticht die Möglichkeit, Bildung nicht nur an Schulen und Universitäten anzubieten. Potenzielle Synergien zwischen Technologiekonzernen, Studenten, sowie den Anwohnern der Waldhäuser Ost, welche entsprechende Flächen benötigen, sind offenkundig. Der Entwurf sieht vor, über das Gebiet Verteilerpunkte durch intermodale Verkehrsketten zu aktivieren, Flächen für Fahrrad und E-Mobilität einzuführen und öffentliche Verkehrsmittel zu begünstigen.

MASSNAHMEN
Im Zuge der ersten Umgestaltung muss der südliche Stadteingang gesperrt werden. Die Zufahrt erfolgt fortan über den westlichen Stadteingang. Gleichzeitig wird das Nahversorgungszentrum im Süden neu ausgebildet und dient als Verteilerpunkt für intermodale Verkehrssequenzen. Die Bahntrasse endet zunächst im Westen, am zweiten Nahversorgungszentrum des Stadtteils. Eine Erweiterung in Richtung Norden kann jederzeit erfolgen. Die Entwicklung des öffentlichen Lebens beginnt ebenfalls von Süden und zieht sich in Richtung Norden fort. Als Treffpunkt für jung und alt sind die öffentlichen Nutzungen im Herzen des Berliner Rings konzipiert. Kleine Geschäfte und Cafés dienen als Anlaufstelle für das öffentliche Leben. Eine Bibliothek für das gesamte Stadtgebiet steht im Zentrum dieses Ensembles. Hier können Schüler der umliegenden Bildungseinrichtungen zusammen mit den Studierenden lernen und sich mit den Mitarbeitern des Technologieparks austauschen. Des Weiteren sollen Angebote für alle Bewohner des Stadtteils das öffentliche Leben neu definieren. Dann beginnt die Umgestaltung des überdimensionierten Berliner Rings. Der MIV wird aktiv reduziert, um eine bessere fußläufige Durchwegung des Gesamtgebiets zu gewährleisten. Darüber hinaus werden Parkflächen zugunsten einer nutzerbezogenen Freiraumgestaltung stark reduziert. Die Einfahrten der Parkgaragen sollen größtenteils verlegt werden, um deren Zugehörigkeit deutlicher zu gestalten.Auf den Garagen entstehen halböffentliche Gemeinschaftsflächen für die Bewohner. Diese werden von öffentlichen Nutzungen wie zum Beispiel einer Wäscherei oder einem Kaffee ergänzt. Die Neubauten spannen in Ihrer Setzung neue Freiräume auf, die eine klare Zugehörigkeit aufweisen und kleine Orte aufspannen. Eine bessere Ablesbarkeit und die Orientierung innerhalb des Gebietes sollen gefördert werden. So können sowohl die jungen, als auch die älteren Nutzergruppen den neu geschaffenen Freiraum eigenständig erfahren