Wolfgang Liebenwein

Wolfgang Liebenwein

*1944 – †2021 , lehrte an der TH/TU Darmstadt 1989-2009

Wolfgang Liebenwein während einem Vortrag in Ulm, 1990

Will man über den langjährigen Lehrstuhlinhaber Wolfgang Liebenwein etwas Typisches sagen, so erscheint die knappe Lakonie, mit der seine Vita in einer Vortragsankündigung des Münchner Zentralinstituts für Kunstgeschichte vom 21.01.2009 zusammengefasst wurde, durchaus treffend:

„Promotion 1974 in Frankfurt mit einer Arbeit über Studierzimmer. Habilitation 1980. Danach Heisenberg-Stipendiat der DFG. Professur in Bonn 1984-1989. Seither Lehrstuhl für Kunstgeschichte am Fachbereich Architektur der TU Darmstadt. Viele Jahre Vorsitzender des Fachgutacher-Ausschusses der DFG und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Kuratoriums des Kunsthistorischen Instituts in Florenz.“(1)

Wolfgang Liebenweins (†17.12.21) Auftreten war stets von einer auffälligen Bescheidenheit, einem oft ironisch grundierten Understatement geprägt. Er fühlte sich in der doppelten Nische, die er als Kunsthistoriker an einer Architekturfakultät und als bekennender Architekturhistoriker innerhalb des Fachs hatte, sichtbar wohl.

Sein Bewerbungsvortrag trug den für seine Denkweise bezeichnenden Titel: „Was fehlt an Donatellos Cavalcanti-Ädikula?“ Er wählte hierfür einen Gegenstand aus dem „Oberhaus“ der italienischen Renaissance-Skulptur – nicht gerade ein typisches Thema für eine Architekturfakultät –, verband dieses „klassische Meisterwerk“ aber mit einer spannenden Detektivgeschichte: Einer kühn geknüpften Indizienkette, die zum Ende des Vortrags alle Zuhörenden davon überzeugte, dass sich in dem nun leeren Tondo unter der Verkündigungsdarstellung ein bis heute nicht lokalisierter, ebenfalls in Florenz bewahrter Bronzekopf eines alten Mannes (2) aus der Hand desselben Bildhauers befunden haben müsse.

Dass man dem Fachgebiet Kunstgeschichte in jenen Jahren durchaus gerne andere Gattungen als die Architekturgeschichte überließ, war auch darauf zurückzuführen, dass mit Walter Haas ein genuiner Bauforscher das benachbarte Fachgebiet „Baugeschichte“ innehatte und mit einer viersemestrigen Überblicksvorlesung im Grundstudium „Von den Sumerern bis zur Postmoderne“ dieses Feld besetzt hielt. So konnte Liebenwein sich auf die Bildkünste vor allem der ihm naheliegenden Spezialgebiete der italienischen Kunstgeschichte der frühen Neuzeit konzentrieren und z.B. Vorlesungsreihen zu Brunelleschi oder Michelangelo anbieten. Ein gutes Beispiel für seinen kulturhistorischen Ansatz bietet jene Baugattung, die seit seiner Dissertation aufs engste mit seinem Namen verbunden blieb: Das „Studiolo“, jene für den italienischen Humanismus so typische Raumform eines scheinbar privaten Schreibzimmers, das doch zugleich das repräsentative Aushängeschild fürstlicher Bildungsambitionen war. Weitere Lieblingsthemen in der Lehre waren das Museum als Institution, das Sammeln und das Präsentieren von Kunst, sowie das Theater als Gebäude und Ort der Performanz.

Wolfgang Liebenwein und Studierende während einer Rom-Exkursion, 1991 (Leitung gemeinsam mit Heiner Knell)

Enge und freundschaftliche Beziehungen bestanden mit dem im selben „Quadranten“ untergebrachten Fachgebiet der klassischen Archäologie, damals unter Leitung von Heiner Knell. Beide verband eine tiefe Zuneigung zur Kunst der ewigen Stadt, so dass im Fachgebiet lange Zeit ein Bilderrahmen mit zwei Fotos hing, anscheinend während einer Exkursion vor dem römischen Pantheon aufgenommen: Auf dem einen Knell sprechend und Liebenwein zuhörend, auf dem anderen genau umgekehrt. Die langjährige Sekretärin Eva Tottewitz, schon vor der Wende aus Dresden zugezogen, war mit ihrer herzlichen Art für beide Fachgebiete ebenso zuständig wie die Fotografin Heidi Matwijuck, die in einer Dunkelkammer im Fachgebiet Dias und professionelle SW-Abzüge aus Büchern als Lehrmaterial erstellte. Als räumlicher und sozialer Mittelpunkt des gemeinsamen Fachgebiets fungierte die aus sechs Diaschränken in der Raummitte zusammengeschobene Theke, die als allmittägliche Stehkaffeetafel nach dem gemeinsamen Mensagang eine feste Institution bildete.

Außerhalb der TU zeigte sich ein anderer Liebenwein: Als Obergutachter der DFG und Kuratoriumsvorsitzender des Florentiner MPI für Kunstgeschichte war er eine stille Autorität des Fachs. Hiervon zeugten die seinen Schreibtisch oft füllenden Manuskriptstapel, deren Bewertung durchaus nicht immer günstig ausfiel, und so mancher Antrag auf Druckkostenzuschuss dürfte seinem allen Moden abholden Qualitätsbewusstsein die finale Ablehnung verdanken. Wessen Talent er dagegen erkannte, förderte er vorbehaltlos, verlässlich und eher aus dem Hintergrund. Dass Liebenweins Lieblingsthemen keine Massen anzogen, aber z.B. bei den Senioren Darmstadts sehr geschätzt waren, veranlasste ihn einmal zu der (für ihn typischen) Feststellung: „Heute war ich wieder der jüngste in meiner Vorlesung!“ Die Umbenennung der vormaligen TH in TU Darmstadt im Jahr 1997 quittierte er mit der spöttischen Bemerkung: „Seitdem wir uns Uni nennen, sind wir immer mehr zur Fachhochschule geworden!“

Zugleich hatte er aber ein gutes Gespür dafür, welche thematischen Ergänzungen seinem eigenen Schwerpunkt an einer Architekturfakultät guttaten, und wählte seine wissenschaftlichen MitarbeiterInnen entsprechend komplementär aus. Einer seiner Assistenten war Marcus Frings, der sich bereits vor der Jahrtausendwende für die Schnittstelle von CAD und Kunstgeschichte interessierte. Damals zählte zu den Aufgabenbereichen des Fachgebiets auch die Pflege des Otto-Bartning-Nachlasses, der nach Liebenweins Ausscheiden am Fachgebiet GTA von Prof. Werner Durth und seit 2019 vom TU-Archiv betreut wird. Prunk- und Schaustück war das unter einer Plexiglashaube vor der Fensterwand des Professorenbüros thronende Nachkriegs-Gipsmodell der „Sternkirche“ des Architekten. Da es immer wieder gerne für Ausstellungen als Leihgabe angefragt wurde und eines Tages übel beschädigt aus dem Centre Pompidou zurückgekehrt war, entschied sich Frings, eine digitale Animation des nie gebauten Entwurfs herzustellen, die man nun virtuell durchschreiten und gefahrlos verleihen konnte. Hierdurch schlug er eine Brücke zu dem in denselben Jahren am benachbarten Fachgebiet von Prof. Koob aufblühenden CAD-Schwerpunkt des Fachbereichs.(3)

Sonja Müller, Assistentin in den 2000er Jahren, ergänzte das Lehrprogramm durch enge Kontakte mit der Frankfurter Kunstszene und MitarbeiterInnen der damaligen „Fachgruppe Stadt“ des FB15, die gemeinsam gerne temporäre Interventionen im öffentlichen Raum, z.B. die Neugestaltung von heruntergekommenen Fußgängerunterführung oder eine studentische 24 h-Stegreif-Aktion in Frankfurt auf die Beine stellten, um die dortige, etwas vergessene Dominikanerkirche wieder ins rechte öffentliche Licht zu rücken.

Neben der italienischen war Wolfgang Liebenwein aber auch der hessischen Kunstgeschichte zugewandt. Ein besondere Neigung hatte er zu Einhard, dem Biographen Karls des Großen, der im nahen Odenwald in Michelstadt und Seligenstadt bedeutende Kirchenbauten hinterlassen hatte, die in keiner thematisch dazu passenden Vorlesung fehlen durften. Ein Schmerzenskind blieb sein nicht vollendetes letztes Forschungsprojekt am Fachgebiet: 2005 hatte das Land Hessen gegen erhebliche Widerstände Schloss und Sammlung der Grafenfamilie Erbach-Erbach erworben, die zur Empörung breiter Kreise dennoch das Wohnrecht in ihrem Schloss behielten. (4) Im Gegensatz zur Boulevardpresse war Liebenwein der Meinung, dass die damals aufgewendeten 13,3 Mio. € bestens investiert seien, handelte es sich doch um ein in seiner Geschlossenheit und Erhaltungszustand einmaliges Ensemble aus fürstlicher Residenz, kostbaren und vielfältigen Sammlungen und zu deren Präsentation original vom letzten regierenden Fürsten Franz I. hergerichteten musealen Schauräumen des frühen 19. Jh.s.(5) Daher nahm er den Auftrag gerne an, mit einem Team aus Fotografen (u.a. aus dem Rechnerpool des FB15) und externen Experten, z.B. der Archäologin Caterina Maderna, die Sammlungen zu erfassen, zu katalogisieren und in ihrer komplexen Konzeption erstmals umfassend zu würdigen.(6) Leider ebbte die öffentliche Empörung über die „Verschwendung von Steuergeldern“ schneller ab als das Projekt voranschritt, so dass die Mittel für die erhoffte umfangreiche Publikation zuletzt ausblieben. Der Kenotaph Einhards, des berühmtesten Gelehrten der Region, ist Teil der noch immer nicht genügend gewürdigten Geschichtsinszenierung im Erbacher Grafenschloss und schließt so den Kreis von Liebenweins Interessen. Die Freude an der Popularisierung von Kunstgeschichte, ohne deshalb auf Seriosität zu verzichten, teilte er mit seiner 2020 verstorbenen Frau Renate Liebenwein: Jahrzehntelang produzierten sie gemeinsam Fernseh-Features für den Hessischen Rundfunk, solange dieser das noch als seine genuine Aufgabe ansah .(7)

Es verwundert nicht, dass sich Liebenwein erst knapp vor seiner Emeritierung nur einmal widerstrebend für das Amt des Dekans verpflichten ließ, und er verstand es auch dann, vor allem vermittelnd zwischen oft eigenwilligen Persönlichkeiten und hochschäumenden Temperamenten im Kollegium zu wirken. Unvergessen ist eine Sitzung des Fachbereichsrats, in der über die Frage der Gewichtungen der Teilfächer im Architekturstudium heftiger Streit auszubrechen drohte, und Liebenwein die erhitzten Gemüter dadurch abkühlte, dass er die Versammlung mit einer ausführlichen Diskussion zu neu in der „Kuhle“, dem Zentrum des Fachbereichsgebäudes, aufgestellten Flyerverteilungsregalen begann, einem kommerziellen Hassobjekt aller, in dessen Ablehnung sich die ansonsten verfeindeten Parteien schnell wieder vereinen konnten.

Ein Detail seiner Fachgebietsgestaltung – im Prinzip übernahm er die nüchterne Erstausstattung seiner Vorgänger – mag den für Liebenwein typischen, trockenen und quasi beiläufigen Humor beleuchten. Rechts hinter der Eingangstür sah man einen mit fleckigem braunem Rupfen bespannten Holzrahmen an der Wand montiert, der wohl einmal als akustische Dämmung im Fotoatelier gedient hatte, nun aber abgenutzt und in der Mitte zerschlitzt nur noch als staubiges Relikt unbestimmter Funktion erkennbar war. Daneben befand sich, in der Art einer Objektbeschriftung im Museum, eine kleine Papptafel mit der Aufschrift: „Lutschow von Thana: Dunkle Kammer. Holz, Leinwand. Eigentum des FG Kunstgeschichte.“(8)

(Meinrad von Engelberg)

Publikationsliste Wolfgang Liebenwein, PDF (wird in neuem Tab geöffnet)

Lehrveranstaltungen im Fach Kunstgeschichte, Amtszeit Liebenwein 1989 – 2009 (wird in neuem Tab geöffnet)


Quellen:

(1) Vortragsankündigugn, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, bes. am 23.01.21.

(2) Donatello: Männlicher Bronzekopf, Florenz, Museo dell‘ Opera del Duomo; Cavalcanti-Tabernakel, Florenz, S. Croce, ca. 1435, Cavalcanti-Tabernakel, Bildindex der Kunst & Architektur, bes. am 24.01.21.

(3) Frings, Marcus [Herausgeber]: Der Modelle Tugend. CAD und die neuen Räume der Kunstgeschichte. Weimar : VDG, Verl. und Datenbank für Geisteswiss., 2001 (Visual intelligence ; 2)

(4) FAZ-Artikel über das Erbacher Schloss, 1. Juni 2005, bes. am 23.01.21

(5) Gräfliche Sammlungen Schloss Erbach, bes. am 23.01.21.

(6) Caterina Maderna: Antikensammlung Erbach, Katalog der Uni Heidelberg, PDF (wird in neuem Tab geöffnet).

(7) Z.B. Poesien aus Wasser und Video. Der Videokünstler Fabrizio Plessi. Renate und Wolfgang Liebenwein, 1988. / The World of the Painter Paolo Veronese. Between Art and Inquisition.A Film by Renate Liebenwein and Wolfgang Liebenwein. Phaidon London, 1996.

(8) Vergl. Kettererkunst, bes. am 23.01.21.

Vorgänger: Georg Friedrich Koch / Nachfolgerin: Sabine Heiser